0-6 Monate Der vorbereitete Erwachsene Die vorbereitete Umgebung

Das Neugeborene – die ersten fünf Wochen

Die Eroberung der Unabhängigkeit beginnt mit dem ersten Anfang des Lebens; während sich das Lebewesen entwickelt, vervollkommnet es sich selbst und überwindet jedes Hindernis, das sich auf seinem Weg befindet. Im Individuum ist eine vitale Kraft tätig, die es zu seiner Entfaltung führt. Montessori, Maria: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau, S. 77

Seit etwas mehr als einem Monat sind wir nun zu viert. Es ist anstrengend und schön und auch so, als würden wir unseren kleinen Menschen schon immer kennen. Trotz aller Umbrüche, die eine so große Veränderung mit sich bringt, fühle ich mich nach wie vor besonders behütet: hier, wo nun mein Kind in meinem Arm liegt, wo ich mit ihm schwanger war und es geboren wurde – hier sind wir zuhause. Ich kann mir indes kaum vorstellen, wie groß der Bruch für mein Kind sein muss – seine Geburt markiert auch den Verlust einer ganzen, vertrauten Welt. Alles hat sich verändert: Druck, Stimmen, Raum, Farben, Gerüche. Ich beobachtete erst ein paar Tage nach der Geburt, dass mein Kind das erste Mal seine Beine ausstreckte, die es davor noch wie ein Embryo an seinen Körper gezogen hielt. Wieviel Energie und Mut es wohl kostet, sich auf alles Neue einzulassen. 

Die vorbereitete Umgebung, die schon während Schwangerschaft und Geburt so bedeutend war, spielt auch nun eine große Rolle. Es gibt bereits für Neugeborene Angebote wie eine Bewegungsecke mit Spiegel oder das Munari-Mobile. Mein Kind hat einen solchen Bereich und nutzt ihn von Beginn an gerne. Ich lege ihn wenn er satt und ausgeschlafen ist auf seine Matte. Oft liegt er 10 oder 15 Minuten hochkonzentriert auf seinem Platz und schaut in den Spiegel oder bewegt und streckt sich. Tatsächlich ist die Konzentrationsfähigkeit angeboren und es ist bereits ein Bedürfnis der Allerjüngsten, den Raum und die Zeit dafür zu erhalten. Es ist schön zu sehen, mit welchem Interesse er sich schon jetzt auch auf die Welt, die ihn umgibt, einlässt.

Die vorbereitete Umgebung für das Neugeborene sind auch wir


In der Mutter sind Kräfte, an die das Kind gewöhnt ist, und diese Kräfte geben ihm die nötige Hilfe in den ersten schwierigen Tagen der Anpassung. Wir können sagen, dass das Kind seine Lage der Mutter gegenüber verändert hat. Es befindet sich jetzt außerhalb des mütterlichen Körpers, aber alles bleibt gleich; es besteht weiterhin eine Verbindung zwischen ihnen.
Montessori, Maria: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau 1972, S. 92

Maria Montessori und die „Assistance to Infancy“-Bewegung in der Montessoripädagogik haben sich noch weitere Angebote und Hilfen für das Leben der Neugeborenen überlegt. Und die wichtigste vorbereitete Umgebung für Kinder in diesem Alter ist keine Matte und beinhaltet auch kein Material. Es sind die Arme seiner Eltern.

Hier findet das Neugeborene, das durch seine Geburt seine Welt verloren hat, bekannte Bezugspunkte. Sie erleichtern ihm das Eintauchen in diese neue und andere Umgebung. Es erkennt den Herzschlag und die Körperspannung der Mutter wieder. Ebenso ihre Stimme und ihre Art, sich zu bewegen und es zu wiegen. Manche Geschmäcker von Nahrungsmitteln riecht man nicht nur im Schweiß, das Fruchtwasser und die Muttermilch schmecken ebenso danach. Auch der Vater ist dem Kind bereits auf manche Art vertraut. Es erfährt in den ersten Tagen und Wochen, dass auf seine Äußerungen reagiert wird und beginnt, seinen Körper im Zusammenspiel mit anderen wahrzunehmen. 

Das Neugeborene braucht das Gefühl, mit den Armen der Mutter ein neues „Behältnis“ um sich zu haben, in dem es genauso sicher ist wie vorher im Mutterleib. Montanaro, Silvana Quattrocchi: Das Kind verstehen. Freiburg im Breisgau 2014, S. 45

Nun, mit fünf Wochen, merke ich, dass mein Kind schon fast ganz angekommen ist. Und auch wir beginnen, unsere Rollen auszufüllen. Während mein Sohn zu Anfang noch ganz viel Begrenzungen brauchte und nur dann schlafen konnte, wenn außer seinem Gesicht alles unter einer Decke steckte, so genießt er nun auch den weiten Raum, in dem er sich reckt und streckt. Er sieht viel mittlerweile auch viel weiter und beobachtet aufmerksam, was um ihn herum geschieht. Besonders seine große Schwester ist für ihn außerordentlich interessant – und sie genießt ebenso die Zuwendung, die sie von ihrem Bruder erfährt.

 

Die ersten acht Wochen werden in der Montessoripädagogik als symbiotisches Leben bezeichnet. Simone Davies von The Montessori Notebook hat zu diesem Thema einen Text auf „How we Montessori“ veröffentlicht.

 

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