0-6 Monate Beziehungsvolle Pflege Grundgedanken

Selbsttätig von Anfang an

Alles in der Schöpfung ist Aktivität. Inbegriff der Aktivität ist das Leben, und nur durch Aktivität kann die Vervollkommnung des Lebens angestrebt und erreicht werden. Montessori, Maria: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau 1972, S.85

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie baff ich nach der Geburt meiner Tochter war. Ihre Persönlichkeit war bereits so deutlich erkennbar – und sie wusste stets ganz genau, was sie benötigte und wünschte. Und darauf beharrte sie ausgesprochen vehement. Gleichzeitig entsprach es genau dem Bild, das ich bereits während der Schwangerschaft von ihr gewann. Auch jetzt, mit beinahe 3 Jahren, ist sie noch genau dieses eine, spezielle Kind.

Mein zweites Kind machte mir schon früh deutlich, dass ich mich auf jemand ganz anderen einzustellen habe. Wo seine Schwester impulsiv und laut, wild und bestimmt agiert ist dieses Kind geduldig und ruhig. Aber auch er weiß bereits ganz genau, was er sich von dieser Welt und seinen Mitmenschen erwartet. Ich lerne ihn nun immer besser als Person kennen und verstehen und sehe immer deutlicher, welche Bedürfnisse er hat und welche Art von Hilfe er von mir verlangt.

Die Eroberung der Unabhängigkeit beginnt mit dem ersten Anfang des Lebens. Montessori, Maria: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau 1972, S.77

Ich denke, was Montessori mit Unabhängigkeit meint ist, dass Kinder von Beginn an Kontrolle und Verantwortung für sich selber und ihre täglichen Belange übernehmen wollen. Während ihrer Suche nach Selbstwirksamkeit und Unabhängigkeit brauchen sie aber auch ein starkes Miteinander mit uns und versichern sich diesem immer wieder aufs Neue. Das ist ein ordentlicher Zwiespalt, nicht nur für unsere Kinder.

Neugeborene sind zweifelsohne völlig abhängig von den Erwachsenen, mit denen sie leben. Sie können sich nicht selber ernähren und nicht gezielt fortbewegen, sie brauchen oft Hilfe um sich zu regulieren, zu reinigen und sie brauchen auch unsere Gesellschaft und Liebe. Sie lernen von uns Kultur, Sprache und Gepflogenheiten. Und dennoch hat die Wissenschaft bereits lange bestätigt, wie aktiv der Part der Ungeborenen bereits während der Schwangerschaft und der Geburt ist. Diese Aktivität, diese Selbstbestimmung ist also nichts wozu wir sie erziehen, was wir ihnen beibringen könnten. Es ist ein Teil ihrer Natur, den sie bereits mitbringen wenn wir sie kennenlernen.

Ich möchte also meinem Kind Freiheit und Hilfe geben, sich selber zu werden und zu sein. Das ist gar nicht so einfach. Es ist eine stetige Balancierübung zwischen Nähe und Loslassen und es entspricht nicht gerade dem Bild, das ich selber von Babys, und besonders von Neugeborenen, die meiste Zeit meines Lebens vermittelt bekommen habe.

Wie ich versuche, meinem Kind Selbsttätigkeit zu ermöglichen:

Pflege

Ich beziehe mein Kind seit seiner Geburt aktiv in Pflegesituationen ein. Das bedeutet einerseits, dass ich ihm den nächsten Schritt ankündige und ihm die Zeit lasse die er benötigt, um solche Informationen zu verarbeiten. Aber ich lade ihn gleichzeitig bereits ein, etwas selber zu tun. Die ersten paar Wochen war das etwa „du kannst jetzt dein Bein ausstrecken, damit ich die Windel schließen kann“. Natürlich ist meine Erwartung hier nicht, dass das Kind das auch gleich (oder überhaupt) macht. Manchmal passiert es, dass er es tut, und manchmal gebe ich ihm einen leichten Impuls, welche Bewegung ich von ihm benötige. Auch, wenn es bestimmt noch oft zufällig ist, lernt er doch bereits, welche Bewegungsabläufe es in Pflegesituationen braucht. Was er selber machen kann und dass er ein aktiver Teil ist. Mittlerweile, mit 7 Wochen, ermutige ich ihn, den Arm aus dem Ärmel und das Bein aus der Hose zu ziehen und sie hineinzustecken. Auch das klappt manchmal und oft auch nicht. Aber ich meine, es klappt bereits erstaunlich oft.

Bewegung

Mein Kind hat einen eigenen Bereich, in dem es liegen, sich bewegen und erkunden kann. Und er nutzt ihn wirklich gerne. Nicht so, dass ich weggehen könnte oder großartig andere Dinge tun. Aber das ist auch nicht die Idee dahinter, denn der Bewegungsbereich bietet mir tolle Möglichkeiten, mein Kind zu beobachten und mich mit ihm über neue Errungenschaften zu freuen. Gleichzeitig darf er sich in diesen Situationen als wirklich unabhängig von mir erfahren. Er bestimmt über seine Bewegungen (und das ohne jegliche Einschränkung). Er kann sich verschiedenen Dingen zuwenden und zwar solange er möchte. Er darf sich ganz strecken, umherrutschen und ausprobieren.

Konflikte

Jeder Mensch hat Konflikte, aber gerade bei Kindern ist es schwer, sie ihnen auch zuzumuten. Und ja, es ist schöner und einfacher, ein ausgeglichenes und zufriedenes Neugeborenes bei sich zu haben als eines, das schreit, weint oder sich ärgert. Was ich bereits bei meinem ersten Kind gelernt habe ist, dass wir als Erwachsene diese Situationen oft weder verhindern noch ändern können. Dass ich meinem Kind diese Konflikte nicht abnehmen kann. Und was ich nun, bei meinem älteren Kind und dem Baby immer klarer sehe, ist, dass ich das auch nicht soll. Und, ja, mein Kind hat ein Recht auf seine Konflikte. Da ich über mehr Erfahrung verfüge ist es natürlich meine Aufgabe, ihn zu begleiten bis er sich wieder wohler fühlt. Aber auch das muss nicht möglichst schnell gehen. Es dauert so lange wie mein Kind dafür braucht.

Baumeister des Menschen ist das Kind. Das Kind ist der Vater des Menschen. Die Kraftanstrengung, die das Kind um dieses Zieles willen insgeheim vollbringt sollte als geheiligt respektiert werden, und wir sollten ihr eine hoffend-erwartungsvolle Haltung entgegenbringen; formt sich doch in dieser Periode die zukünftige Persönlichkeit des Individuums. Montessori, Maria: Kinder sind anders. München, 20. Auflage 2004, S.46

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