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Künstlerisches Arbeiten mit 32 Monaten

Die Erziehung der Hand ist besonders wichtig, weil diese das Ausdrucksintrument der menschlichen Intelligenz ist: sie ist das Organ des Geistes.
Maria Montessori: Die Entdeckung des Kindes, Freiburg im Breisgau 2010, S.332

Seit einigen Monaten interessiert sich mein Kind verstärkt dafür, künstlerische Arbeiten auszuüben. Ihr Zugang zu Kunst ist dabei natürlich ein völlig anderer als der eines Erwachsenen oder auch eines älteren Kindes. Zwar haben wir viele Bilder bekannter Künstler in unserer Wohnung hängen und begreifen Kunst auch als einen Teil unseres Alltags – es geht meinem Kind aber weder um Bildproduktion noch grundsätzlich um ein Produkt, das sie erstellen möchte. Vielmehr ist es für sie eine meditative und forschende Beschäftigung mit Materialien, Farben und eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, die ihr ihre Hände bieten. Schon Kleinkinder haben ein grundlegendes Bedürfnis nach künstlerischem Ausdruck. Und sie sind in einer grundsätzlich kreativen Entwicklungsphase – allerdings nicht in dem Sinn kreativ, wie wir Erwachsenen kreativ oder unkreativ arbeiten. Sie sind kreativ indem sie sich selber als Menschen überhaupt erst kreieren.

Oft sehe ich, dass kleinen Kindern sehr viel angeboten wird, um in diese Richtung zu arbeiten. Ich konnte aber oft beobachten, dass das mein Kind überfordert und es ihr dadurch schwerer fällt, sich zu konzentrieren. Es ist mir auch wichtig, dass ihr Angebote länger zur Verfügung stehen und nicht dauernd wechseln. Denn ich möchte, dass sie sich darauf verlassen kann, sie wieder zu finden.
Und wie auch in anderen Bereichen gilt: wenn das Angebot gut ist, braucht man nicht sehr viel. Gerade bei kleinen Kindern.

Ich habe mir bei der Auswahl im Wesentlichen Gedanken über zwei verschiedene Aspekte gemacht: welche Sinneserfahrungen und Erkenntnismöglichkeiten bietet das Material? Und welche Arbeit verrichtet die Kinderhand dabei? So sah ich keinen Sinn darin, ihr viele verschiedene Stiftarten anzubieten, wenn mit allen praktisch dasselbe gemacht wird.

Sticken

Da ich öfter nähe ist diese Beschäftigung meinem Kind durchaus geläufig und sie war sehr aufgeregt, als ich sie fragte, ob sie es denn einmal selber probieren möchte. Ich bereitete ihr dazu Kärtchen mit verschiedenen Lochmustern vor: mit gebogenen und geraden Linien, einem Kreis, einem Quader und einem Dreieck. Ich ließ meine Tochter zu jedem Kärtchen ein farbiges Garn auswählen und gab ihr eine Sticknadel, die nicht sehr klein war aber doch so, dass es sie herausforderte. Dann zeigte ich ihr, wie man das Garn durch die Öffnung zieht und einmal von der einen, dann von der anderen Seite durch die Karte sticht. Ich merkte schnell, dass sie es unbedingt selber probieren wollte und gab es ihr in die Hand. Anfangs kostete es sie besonders viel Konzentration, beim Durchziehen das Garn nicht aus der Nadel zu ziehen. Aber sie hat schnell herausbekommen, wie sie das verhindert. Und nachdem sie die ersten Tage fast ausschließlich stickte holt sie sich das Tablett auch jetzt noch regelmäßig, wenn auch nicht mehr so exzessiv wie am Anfang. Denn mittlerweile wünscht sie sich zudem, an der Nähmaschine nähen zu dürfen. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie genau ich es ihr ermöglichen werde.

Stempeln

Ich habe mir lange Gedanken über das Stempeln gemacht und war von den Stempeln, die ich gefunden habe, stets wenig überzeugt. Es war mir nicht klar, was sie denn mit figurativen Stempeln anfangen würde, denn ihr Zugang zum Bilder machen ist eben kein Figurativer. Trotzdem finde ich Stempeln als simple Druckform eine tolle Arbeit. Vor kurzem fand ich dann diese schönen Stempel mit Schneeflocken und einem weißen Stempelkissen und war davon schnell überzeugt. Mein Kind kann damit nicht nur relativ abstrakte Bilder und Muster fertigen. Die Stempel zeigen auch, wie faszinierend Schneeflocken vergrößert aussehen und sie liegen mit ihren großen Griffen gut in der Hand. Die Beschäftigung mit Kreismotiven ist eine sehr meditative – nicht umsonst findet man solche auf der ganzen Welt in religiösen und spirituellen Kontexten. Natürlich ist dieses Tablett etwas kitschig und nicht gerade sommertauglich. Aber es ist ja auch November.

Malen

Wasserfarben sind nicht nur ein Klassiker, sie sind ein wirklich tolles Material. Da meine Tochter gerne an ihrem Tisch arbeitet habe ich sie ihr auch dort angeboten. Sie kann sich damit stundenlang beschäftigen. Auch wenn sie den Pinsel noch nicht richtig dabei hält sehe ich doch schon eine deutliche Entwicklung in der Motorik. Ich beobachte, wie sie sich immer weiter herausfordert, indem sie kleinteiliger zu arbeiten beginnt. Ich habe ihr stets alle Farben angeboten, sie wählte anfangs jedoch nur eine einzige pro Bild. Mittlerweile sind die Bilder bunt und voll und kosten sie viel Zeit. Es ist faszinierend für mich, mit wieviel Aufmerksamkeit sie dabei bleibt und wie entspannt und ausgeruht sie dennoch ist.
Neben den Wasserfarben besitzt sie auch ganz normale Buntstifte, und auch diese verwendet sie gerne. Allerdings arbeitet sie mit ihnen viel grafischer und versucht sich z.B. darin, ein ganzes Blatt mit geraden Linien zu füllen, ohne dass sich diese berühren.

Schneiden und Collagen

Bereits vor ihrem zweiten Geburtstag begann meine Tochter, sich fürs Schneiden zu interessieren. Dank meiner lieben Freundin Anna fand ich eine wunderbare, kleine Schere von Nienhuis und stellte für mein Kind ein kleines Tablett zusammen mit dem sie zu schneiden üben konnte. Nachdem ich das tolle Bilderbuch Matisse und sein Garten über das Spätwerk des Künstlers Henri Matisse entdeckte, bot ich ihr auch buntes Papier zum Schneiden an. Aus diesem konnte sie Collagen mit Kleister kleben. Diese Handlungen sind allerdings zeitlich voneinander getrennt, denn eine so große Aufgabe mit verschiedenen Tätigkeiten nacheinander würde sie überfordern. So schneidet sie buntes Papier das wir aufbewahren, um es ein andermal weiterzuverwenden. Das Kleistern ist eine Aufgabe, die vielen Kindern Freude bereitet. Da meine Tochter allerdings sehr genau aufpasst, dass sie sich nicht anpatzt und es sie auch sehr stört, wenn es doch passiert, muss ich darauf achten, dass ihr stets ein klebfreies Tuch zur Verfügung steht.

Auch wenn unser künstlerisches Angebot noch nicht sehr groß ist, so sind die Arbeiten doch alle sehr unterschiedlich. Sowohl in ihren Möglichkeiten als auch in den Herausforderungen, die sie bieten. Es kommt zudem immer wieder vor, dass der Alltag künstlerische Aufgaben bereithält. Etwa weil ein Armband reißt und sie ein neues fädeln möchte. Oder wir schöne Blumen gekauft haben, die sie in der Vase arrangiert. Ich mache daraus aber keine Tabletts für sie, denn sie gehören einfach in unser praktisches Leben.
Ich habe ihr auch schon Angebote vorbereitet, die sie überhaupt nich angenommen hat. Sie interessiert sich z.B. nicht für Knete auch wenn sie es liebt, mit mir in der Küche Teig zu kneten. Das ist völlig in Ordnung und ich nehme das Angebot dann einfach wieder weg.

Wie verhalte ich mich?

Die vier vorgestellten Arbeiten hat meine Tochter als Tablett in ihrem Regal stehen. Sie kann sie sich völlig selbständig nehmen wenn sie darauf Lust hat. Ich achte aber natürlich darauf, dass die Dinge im Regal immer arbeitsbereit sind – dass z.B. der Wasserfarbkasten sauber und die Farben nicht vermischt sind, dass die Pinsel wirklich ausgewaschen sind, Papier und Tücher zur Verfügung stehen. Wenn sie etwas noch nicht kennt, dann betrachte ich es mit ihr und zeige ihr kurz sehr genau und langsam vor, wie ich damit umgehe. Das bedeutet, dass ich mir davor auch Gedanken mache und ausprobiere, um unnötige Bewegungen so gut es geht zu vermeiden. So fällt es meinem Kind leichter zu beobachten, was ich genau tue. Meistens erreichen wir sehr schnell den Punkt, an dem meine Tochter übernehmen möchte. Wenn sie es möchte bleibe ich noch kurz bei ihr, allerdings achte ich darauf, mich bald zurückzuziehen. Auch wenn sie sich manchmal zu mir an meinen Tisch setzt um zu arbeiten bleibe ich umgekehrt nie an ihrem Tisch sitzen wenn sie mich nicht ausdrücklich darum bittet. So wird sie nicht durch mich abgelenkt und versucht auch nicht, meine Meinung zu ihrer Arbeit zu erfahren. Sie kann sich einfach auf sich selber konzentrieren. Natürlich behalte ich mein Kind soweit im Auge, dass mir auffällt, wenn sie etwas braucht. Dann mache ich sie kurz darauf aufmerksam oder bringe ihr etwas.  Wenn sie fertig ist lasse ich ihr die Entscheidung, ob sie darüber sprechen möchte oder nicht. Manchmal möchte sie das gerne, oder sie macht mich auf Dinge aufmerksam, die ihr aufgefallen sind. Etwa, dass Ocker und Gelb sich gleichen, oder auch Hell- und Dunkelgrün, Rot und Orange. Dann freue ich mich mit ihr über diese Entdeckungen und daran, dass sie entschieden hat, dass sie etwas mit mir teilen möchte. Nicht, weil ich sie bedrängt habe, sondern weil es ihr selber wichtig war.

Wir könnten ebenso am Rand eines Sees stehen und geistesabwesend sein Ufer betrachten, während plötzlich ein Künstler erscheint und ausruft: „Wie schön ist doch die geschwungene Linie des Ufers im Schatten jenes Felsens!“ – Dann fühlen wir, wie sich die bisher leblose Szene in unserem Bewusstsein belebt, als sei sie von einem Sonnenstrahl beleuchtet, und empfinden die Freude, das, was wir vorher nur unvollkommen gefühlt hatten, voll und ganz zu bemerken.
Dies ist unsere Mission: einen Lichtstrahl geben und weitergehen.

Maria Montessori: Die Entdeckung des Kindes, Freiburg im Breisgau 2010, S.133

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