Beziehungsvolle Pflege Grundgedanken

Ein paar Gedanken zur Unabhängigkeit

…die Entwicklung [ist] ein Anstoß zu immer größerer Unabhängigkeit. Es ist wie der Pfeil, der vom Bogen abgeschossen wird und sich gerade, sicher und voller Kraft vorwärtsbewegt. Die Eroberung der Unabhängigkeit beginnt mit dem ersten Anfang des Lebens; während sich das Lebewesen entwickelt, vervollkommnet es sich selbst und überwindet jedes Hindernis, das sich auf seinem Weg befindet. Im Individuum ist eine vitale Kraft tätig, die es zu seiner Entfaltung führt. Maria Montessori: Das kreative Kind; S.77

Unabhängigkeit ist ein Thema, über das ich oft nachdenke. Bedeutet etwas alleine zu machen auch, währenddessen alleine zu sein? Ist es Teil einer starken Beziehung, Dinge füreinander zu erledigen? Bin ich weniger mit meinem Kind in Kontakt, je selbständiger es wird? Sucht sich mein Kind diese Herausforderungen selber oder bin ich es, die mir seine Unabhängigkeit wünscht?

Ich kann mir vorstellen, dass mich diese und andere Fragen noch jahrelang begleiten werden. Und, dass ich auch nach Jahren noch nicht alle gänzlich beantworten kann.

Der Grund, warum ich momentan oft darüber nachdenke, ist vielleicht eher ungewöhnlich: meine Tochter hat damit begonnen, sich selber zu wickeln. Ich habe bereits in diesem Text geschrieben, welchen Stellenwert beziehungsvolle, kooperative Pflege für uns spielt. Und wie erstaunlich ich es finde, dass bereits Neugeborene sich aktiv daran beteiligen wollen. Die neue Errungenschaft meiner Tochter kam also mitnichten aus heiterem Himmel: sie durfte sich stets ihren Fähigkeiten entsprechend miteinbringen. Das bedeutete anfangs, ruhig und entspannt auf dem Tisch zu liegen. Wenig später konnte sie mit ihrem Arm in den Ärmel schlüpfen oder das Bein ausstrecken. Irgendwann suchte sie sich selber ihre Waschlappen aus und half mir bei der Windelwäsche. Das Wickeln wurde so zu einem Quell großer Freude und einer Gelegenheit, während derer sie sich ihrer Fähigkeiten bewusst werden konnte.

Wenn das Kind den Impuls spürt, die Umwelt zu erobern, ist es klar, dass diese eine Anziehungskraft auf das Kind ausübt. Sagen wir also mit Worten, die nicht ganz für unseren Fall zutreffen, dass das Kind „Liebe“ für seine Umwelt empfindet. Maria Montessori: Das kreative Kind; S.78

Trotzdem hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Kind sich irgendwann gänzlich selber wickeln würde. Wahrscheinlich einfach deshalb, weil ich gelernt hatte, dass Kinder so etwas nicht tun. Auch wenn es Anzeichen gab, dass sich etwas verändern sollte: sie zögerte den Beginn des Wickelns immer weiter hinaus obwohl sie bereits im Wickelbereich war. Sie war unruhig während des Wickelns. Und sie machte vermehrt Witze (was nicht grundlegend problematisch ist, aber keine Überhand nehmen sollte).

Mein Mann war es schließlich, der diese Zeichen deuten konnte und sie ganz einfach fragte, ob sie sich denn selber die Windel anziehen wollte. Und das wollte sie.

So hat sich das Wickeln nun also stark verändert. Meine Tochter ist völlig gelöst in dieser Situation, freut sich und ist stolz auf ihre Errungenschaft. Ich finde es schön, dass es ihr möglich ist, sich selber um ihren Körper zu kümmern und ihn zu pflegen. Unsere Beziehung hat es bisher nicht verändert. Sie wünscht sich, dass ich sie weiterhin beim Wickeln begleite – indem ich mich mit ihr freue. Aber sie möchte eben nicht mehr, dass ich eingreife. Weil sie es selber kann.

Nur eines kann das Leben nicht: anhalten und stehenbleiben. Maria Montessori: Das kreative Kind; S.84

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