Beziehungsvolle Pflege Die vorbereitete Umgebung

Mit achtsamer Pflege durch stürmische Zeiten

Die Liebe, die Sorgfalt muss das Kind umgeben wie ein angenehmes, gleichmäßiges, warmes Bad. Das Kind soll – auch wenn wir nicht neben ihm sind – ständig fühlen, dass wir es lieben, dass es sich in Sicherheit befindet, dass wir auf es achtgeben, damit ihm nichts Schlimmes zustößt. Emmi Pikler: „Friedliche Babys – Zufriedene Mütter“, S. 57f

 

Wenn ich meine Tochter beobachte fällt mir auf, wie stark ihr Leben sie oft herausfordert. Wenngleich sie noch ein Kleinkind ist begnügt sie sich nicht mehr damit, dass die Dinge um sie herum geschehen und ich oder ihr Papa uns um sie kümmern. Sie möchte Abläufe beeinflussen und macht sich auf die Suche nach den Ursachen und Wirkungen. Als Forscherin, die sie nun ist, führt sie ihre Studien ebenso ernsthaft durch wie manch Erwachsener. Was für intellektuelle Herausforderungen sie sich zutraut und auch meistern kann!

Und dennoch ergeben all die Strukturen, all ihre Erkenntnisse ein noch fragiles Gebäude. Sie konnte sie noch nicht lange genug erproben um sich sicher zu sein, nicht auch Fehlschlüsse gezogen zu haben. Kommen die von ihr gerade entdeckten Ordnungen ins Wanken wankt auch ihr Bild von der Welt. Diese Situationen führen dann zu etwas, womit sich viele Eltern kleiner Kinder konfrontiert sehen: starker Wut, die sich explosionsartig entlädt.

Die ersten Male standen mein Mann und ich im Angesicht dieser Wut völlig perplex vor unserem Kind, das auf einmal so außer sich, wild und unnahbar geworden war. Wie laut sie sein konnte, wie wütend, bestimmt und unnachgiebig. Es waren noch einige Monate bis zu ihrem zweiten Geburtstag, sie konnte kaum sprechen, ihre Ausbrüche waren zu dieser Zeit besonders häufig und uns waren die Auslöser dieser Emotionen oft ein Rätsel. Auch unser Kind war heillos überfordert.

 

Füreinander achtsam bleiben

In Zeiten besonders heftiger Wutanfälle merkte ich, dass es auch für mich schwer war, mit meinem Kind in Kontakt zu bleiben. Ich hatte oft den Impuls auf Abstand zu gehen oder mir sogar die Ohren zuzuhalten. Das erschreckte mich. Zu dieser Zeit bekamen unsere Pflegesituationen einen ganz besonderen Stellenwert für die Beziehung. Denn wenngleich sie ein großes Konfliktpotential bergen stellten sie für uns einen Ort achtsamen Miteinanders, wichtiger Beziehungsarbeit, Fürsorge und Nähe dar. Emmi Pikler sagte einst, dass Friedenserziehung auf dem Wickeltisch beginne und meinte damit genau das: dass wir beide uns gesehen fühlen, ich sie so zu begleiten versuche, dass sie mit mir kooperieren kann und wir uns gegenseitig als einander zugewandt wahrnehmen. Und wir mit diesen Erfahrungen im Hintergrund anders in Konfliktsituationen gehen können.

 

Beziehungsvolle Pflege

Emmi Pikler und viele Piklerpädagoginnen nach ihr haben sich intensiv mit der Bedeutung von Pflegesituationen für die Beziehung zwischen Erwachsenen, Säuglingen und jungen Kindern beschäftigt. Es gibt wenige Momente, die so intim und nah sind wie diese Erlebnisse. Uns haben diese Situationen tief geprägt, denn schon Säuglinge werden als kooperative kleine Menschen, die sich aktiv beteiligen wollen, wahrgenommen. Es war erstaunlich: als mein wenige Wochen alte Tochter plötzlich beim Anziehen ihr Ärmchen in den Ärmel steckte oder auf meine Ankündigungen reagierte veränderte das mein Bild auf sie grundlegend. So begannen die Pflegesituationen sich als rotes Band durch unsere Wochen, Monate und Jahre zu ziehen und unsere Beziehung von Grund auf zu festigen.

Behandeln wir das Kind nie mechanisch. Behandeln wir es nie wie einen leblosen Gegenstand, wie klein es auch sein mag. Nehmen wir Rücksicht! Zusammen, gemeinsam, lösen wir die Aufgaben: die Mutter die ihren, das Kind die seinen. Emmi Pikler: „Friedliche Babys – Zufriedene Mütter“, S. 61

 

Die vorbereitete Umgebung

Wir besitzen einen großen Wickeltisch nach Pikler, der an den Seiten durch ein Geländer begrenzt wird. Er ist so groß, dass auch ein 2,5-jähriges Kind sich ganz drehen kann und das Geländer ist so hoch, dass sie, wenn sie das möchte, auch im Stehen gewickelt werden kann. Auch ohne einen solchen Wickeltisch ist es einfach, dem Kind die Möglichkeit einzuräumen im Stehen zu wickeln, indem man beispielsweise eine Handtuchstange an die Wand montiert.

Ich kenne einige Menschen, auf die diese Wickelplätze einen kargen Eindruck machen, denn es hängen keine Bilder oder Wimpelketten, keine Mobile und kein Spielzeug in der Nähe, mit denen sich die Kinder während des Wickelns beschäftigen können. So entsteht aber viel Raum für die Beziehung zwischen Erwachsenem und Kind, denn ohne Ablenkung ist es leichter, sich gegenseitig seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Da meine Tochter schon etwas größer ist hat sie eine kleine Trittleiter, mit der sie eigenständig auf den Wickeltisch klettern kann.

 

Nähe und Raum

Kleinkinder besitzen eine große Liebe zur Bewegung – auch Montessori benennt sie als eines der drei großen Themen der Altersgruppe der 0-3-jährigen. Es ist oft schwer für Kinder, wenn von ihnen erwartet wird, sich während des Wickelns ruhig hinzulegen. Ich lasse meine Tochter selber entscheiden, ob sie stehen, liegen oder knien möchte. Sie darf ihre Position während der Pflege verändern um sich wohler zu fühlen und ich lasse es auch zu, wenn sie sich körperlich eine Zeit lang von mir zurückzieht. Da sie grundsätzlich in ihre Pflege miteinbezogen ist und sich dafür interessiert sind dies meistens nur kurze Rückzüge. Ich freue mich über ihre Beweglichkeit und ihre Aktivität im selben Maße wie auf dem Spielplatz oder bei einem Spaziergang. Nicht zuletzt fällt es meiner Tochter sehr viel leichter zu kooperieren, wenn in der Situation weder Druck noch Zwang existieren. Anna Tardos schreibt dazu:

Die Zeit, die das anfangs länger dauert, wird durch die Freude und den Spaß, den Kind und Erwachsener an dieser Art des Wickelns haben, aufgewogen. Der sonst eventuell auftretende Machtkampf wird letzten Endes sicher mehr Zeit und Tränen kosten. Ute Strub: Fragen an Anna Tardos, in: „Miteinander vertraut werden. Erfahrungen und Gedanken zur Pflege von Säuglingen und Kleinkindern“, S. 121

 

Also Beziehung!

Diese fixen Momente liebevollen Kontakts waren nicht nur für meine Tochter eine Rückversicherung unserer Beziehung, sie waren es auch für mich. Es machte und macht schwierige Zeiten einfacher und erneuert und bestärkt beständig unser Vertrauen ineinander. Der Alltag mit Kleinkindern ist nicht immer leicht. Weder für die Kinder noch für uns Eltern. Aber, auch wenn es sich vielleicht nicht immer so anfühlt, ist es ein Weg, den Eltern und Kinder gemeinsam meistern.

 

Es gibt einige schöne Texte zu beziehungsvoller Pflege, besonders gefallen mir diese zwei:

Julia Grösch: Fragende Hände am Wickeltisch: https://www.mit-kindern-wachsen.de/fragende-h%C3%A4nde-am-wickeltisch

Cassandra Vieten: Achtsames Windelwechseln. Eine Übung um die Bindung zu ihrem Baby zu festigen: https://www.arbor-verlag.de/achtsames-windelwechseln

Im Arbor Verlag sind auch einige Bücher Emmi Piklers erschienen.

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