Der vorbereitete Erwachsene Grundgedanken

Die Liebe der Kinder zur Autonomie

Die Eltern sind die Wächter des Kindes, aber nicht seine Bauherren. Maria Montessori: Kinder sind anders, S.212

Als Familien bewegen wir uns in einem sich stetig ändernden Feld zwischen Nähe und Abnablung, Unabhängigkeit und Verantwortung, Loslassen und Festhalten. Es ist herausfordernd, sich immer wieder neu aufeinander einzustellen und auch die jüngsten Familienmitglieder in ihrer Eigensinnigkeit zu schätzen. Schon mein Kind im Bauch ist ein Versprechen seiner künftigen Unabhängigkeit (und bereits jetzt spüre ich deutlich, dass unsere Bedürfnisse, etwa nach Platz und ausstrecken, nicht immer übereinstimmen).

Das birgt immer wieder Konflikte und es ist erschreckend, wieviele davon ich selber verantworte. Denn oft ist es nicht mein Kind, das sich stur verhält, sondern ich. Es fällt mir schwer mich daran zu gewöhnen, dass ich nicht mehr so unabhängig sein kann wie früher. Und manchmal ist es richtig anstrengend, sich rücksichtsvoll zu verhalten. Es gibt Tage, die einfach nicht funktionieren – weder für mich noch für mein Kind.

Der vorbereitete Erwachsene

With regard to the social question of the child, the wrongs are due to a fundamental error. It is a question of reforming the reformers: we all need to be changed. We are the adults and the child depends on us; his sufferings, in spite of our good intentions, come from us. If, owing to an error on our part, these evils occur, then it is necessary that the adult’s attitude should be reformed. Maria Montessori Speaks to Parents. A Selection of Articles, S.2

Immer wieder zeigt sich mir, dass Konflikte sich in Luft auflösen, wenn ich meiner Tochter mehr Raum zugestehe. Vielleicht habe ich einen Entwicklungsschritt übersehen, ihr etwas noch nicht zugetraut oder sie fühlt sich gedrängt. Das ist eine wichtige Übung in vielem: im Loslassen, aber auch in Geduld, Aufmerksamkeit und Vertrauen. Auch wenn es mir wichtig ist, eine große Rolle im Leben meines Kindes zu spielen, muss ich auch schon bei einem so kleinen Kindern lernen mich zurückzuziehen. Meinem Kind sein eigenes Leben zutrauen – mit allen Konflikten, die sich ihm stellen, und allen Fehlern, die ihm unterlaufen werden.

In Würde leben

Die Launen und Anfälle von Ungehorsam beim Kind sind nichts anderes als der Ausdruck eines vitalen Konfliktes zwischen schöpferischem Impuls und der Liebe zu dem Erwachsenen, der das Kind nicht versteht. Jedesmal, wenn der Erwachsene statt auf Gehorsam auf eine Laune des Kindes stößt, sollte er an diesen Konflikt denken und einsehen, dass das Kind etwas verteidigt, was für seine Entwicklung lebensnotwendig ist. Maria Montessori: Kinder sind anders, S.110

Auch wenn Würde vielleicht ein altmodischer Begriff zu sein scheint, so finde ich ihn doch wichtig. Gerade Kinder haben ein sehr feines Gespür für Würde und Integrität, sowohl für ihre eigene als auch für die anderer Menschen. Und auch wenn bei Erwachsenen der Zusammenhang zwischen Würde und Unabhängigkeit nicht angezweifelt wird so tendieren wir doch dazu, die Unabhängigkeitsbestrebungen unserer Kinder als etwas lästiges wahrzunehmen. Anstatt uns an ihnen zu freuen und die Konflikte, die durch unsere verschiedenen Vorstellungen entstehen, zu meistern.
Lasse ich meinem Kind sein Leben, führt das nebenbei zu wichtigen Prozessen: es lernt Frustrationstoleranz, Konzentration, Geduld und Impulskontrolle. Es braucht dafür keine Übungen, ich muss es nicht hinhalten oder anleiten – auch wenn man all das bei manchen populären Autorinnen lesen kann.

Mein Kind lernt aus sich heraus und durch das Leben selber. Und wenn ich es nicht behindere, kann ich es nicht aufhalten. Existiert dann also eine Autonomiephase überhaupt oder ist das Streben nach Autonomie das Streben nach dem Leben selber?

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