Der vorbereitete Erwachsene Grundgedanken

Über das Zweifeln der Eltern an sich selber

Wir müssen das Kind von dem Gesichtspunkt der Wunder aus betrachten, die es vollbringt. Kein Aufbauwerk ist großartiger, als das, welches Menschsein schafft. Überraschung und Staunen und der Wunsch, mehr darüber zu wissen, müssen den Menschen erfüllen. Ein neues Interesse muß geboren werden. Das Interesse der Menschen muß sich auf die Leistungen des Kindes konzentrieren, auf seine Wunder.
Montessori, Maria: Dem Leben helfen. Freiburg im Breisgau 1972, S.82


So beeindruckend sich Kinder auch entwickeln, so schwierig machen sie es uns dadurch, sie zu begleiten. Wer möchte schon einen Entwicklungsschritt übersehen oder gar versehentlich eine Neugierde im Keim ersticken? Wem fällt schon immer ein perfektes Angebot für ein neues Interesse ein? Und wer sitzt nicht manchmal Missverständnissen auf, nachdem er nach langem Beobachten dachte, jetzt aber wirklich etwas an seinem Kind entdeckt zu haben?
Mir geht es auf jeden Fall immer wieder so, und ich kenne keine Eltern – egal, ob Pädagogen oder nicht – die nicht immer wieder an sich zweifeln. Dabei entspringt mein Zweifeln dem ehrlichen Wunsch, meinem Kind gerecht zu werden. Lange dachte ich, dass dieser Zweifel auf einen Mangel meinerseits hindeuten würde. Darauf, dass ich nicht kompetent und erfahren genug wäre. Dass ich mein theoretisches Wissen nicht in meinen Alltag überführen könnte. Dass etwas noch nicht gut genug ist.


Ich habe gelernt, meine eigenen Fehler nur schwer zu ertragen. Es war mir immer wichtig, gute Ergebnisse zu erzielen, in meinem Bereich erfolgreich zu sein und am besten noch ohne besonderen Aufwand zu betreiben. Viele Menschen, die ich kenne, sind so aufgewachsen wie ich. Und viele sind es gewohnt, nicht nur andere, sondern auch sich selber nach solchen Maßstäben zu bewerten.

Wenn wir den Weg der Wahrheit und der Realität beschreiten wollen, müssen wir zugeben, dass alle irren können, denn sonst wären wir alle vollkommen. So wird es besser sein, dem Fehler gegenüber ein freundschaftliches Verhalten an den Tag zu legen und ihn als einen Gefährten zu betrachten, der mit uns lebt und einen Sinn hat – und den hat er wirklich. 
Montessori, Maria: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau 1972, S.222

Mein Kind soll keine Angst davor haben, Fehler zu machen. Ich möchte, dass es Fehler als Chance erlebt und nicht als Grund dafür, an sich selber zu zweifeln. Damit es das lernen kann, ist es wichtig, dass auch ich Fehler mache – auch in Bezug auf mein Kind. Und dass es an mir beobachten kann, wie ein positiver Umgang damit aussehen kann. Natürlich versuche ich weiter, alles so gut wie möglich zu machen. Aber einen Fehler zu machen ist für mich kein Drama sondern die Möglichkeit, ein gutes Vorbild zu sein und mich auszubessern.

Mein Kind zeigt mir seinen Weg


Diese Haltung entbindet mich nicht aus meiner Verantwortung. Ich muss das Beste wollen – und ich darf es manchmal nicht schaffen, das Beste zu tun. Dass ich manchmal Entwicklungsschritte übersehe oder verkenne, dass ich mein Kind nicht immer in jeder Situation optimal begleite weiß ich auch, weil mich mein Kind darauf aufmerksam macht. Kinder besitzen einen unbändigen Willen, sich weiterzuentwickeln. Wenn ich meiner Tochter die Möglichkeit dazu nicht gebe, dann sehe ich, wie sie vor lauter Drang fast platzt, wir streiten oder sie unruhig durch die Wohnung streift. Natürlich hilft es mir, dass ich ein grundlegendes Wissen über Entwicklungsschritte habe. Aber Maria Montessori hat diese Schritte gesehen, als sie ganz konkrete und reale Kinder beobachtete und überprüfte ihre Beobachtungen an unzähligen weiteren Kindern.


Schlussendlich hilft mir meine Tochter dabei zu erkennen, was sie momentan bewegt. Als vor vier Wochen ihr kleiner Bruder geboren wurde war dieses Ereignis für sie wohl derart überragend und schwer erklärbar, dass sie von einem Tag auf den anderen begann, alles zu hinterfragen und verstehen zu wollen. Sie redet ununterbrochen und fragt nach den Warums, Weshalbs und Wiesos in gefühlt endlosen Gesprächen. Gestern musste ich mich bei einer Arbeit konzentrieren und erklärte ihr, dass ich nun Ruhe bräuchte und sie kurz leise sein soll. Völlig baff schaute sie mich an und sagte dann ruhig und bestimmt: „Aber Mama, ich muss doch jetzt einfach reden.“ Und da verstand ich, wie wichtig diese Gespräche für sie wirklich sind. Wenn etwas das Kind beschäftigt, dann muss es das tun – ganz egal, was wir davon halten. Und da es so dringend ist, werden die Erwachsenen es nur schwer übersehen können.
Wenn wir es sehen müssen wir ihnen aber antworten.

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