Die Entwicklungsperioden Grundgedanken

Fast wie ein neues Kind – der große Entwicklungssprung mit 2,5-3 Jahren

Das Studium der Psychologie des Kindes in den ersten Lebensjahren eröffnet solche Wunder, daß es jeden, der Verständnis dafür aufbringt, tief beeindruckt.
Maria Montessori: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau 1972. S.25

Diejenigen, die Kinder im ähnlichen Alter wie meine Tochter haben, konnten vielleicht in den letzten Wochen (oder in den nächsten Wochen und Monaten) ähnliches beobachten wie ich: es ist fast, als stünde ein neues Kind vor mir.
Ein Kind, das eben kein Kleinkind mehr ist, sondern schon ganz schön groß. Und wie meistens kann ich gar nicht sagen, wann sich was genau verändert hat, denn gefühlt war es auf einmal plötzlich so.
Ähnlich, wie wir die Unterscheidung in unserer Alltagssprache auch treffen – nämlich, dass wir zwischen Kleinkindern und Kindern differenzieren – hat auch Maria Montessori diesen Entwicklungssprung detailliert beschrieben. Und einige große Änderungen in Bedürfnissen und Verhalten feststellen können.

Wie sich meine Tochter verändert hat:

  • Mein Kind hat sich vor einigen Monaten selbständig und mit den Worten „Ich bin jetzt groß“ von einem Tag auf den anderen komplett abgestillt.
  • Sie interessiert sich für abstrakte Geschichten und nicht mehr nur für Texte, die eng mit ihren Alltagserlebnissen verbunden sind.
  • Ihre Sprache ist sehr viel komplexer geworden und ihre Sätze sind oft grammatikalisch richtig auch wenn sie schwierig sind.
  • Sie teilt ganz konkrete Gefühle verbal mit, etwa „das freut mich“, „das gefällt mir“ oder „das macht mich traurig“.
  • Sie plant komplexere Dinge – für manche Spiele verändert sie unser halbes Wohnzimmer um alles vorzubereiten.
  • Es ist ihr wichtig immer selbständig handeln zu können.
  • Sie versucht, Gesetzmäßigkeiten zu formulieren. Also etwas ist „immer so“ oder ich mache etwas „immer“, weil es „so gehört“.
  • Ihre Proportionen haben sich verändert, der Kopf ist im Verhältnis nicht mehr so groß und der Babyspeck schmilzt immer weiter. Außerdem sind ihre Haare mittlerweile dick und dicht.
  • In unbekannten Situationen wirkt sie sicherer und möchte nicht mehr so oft auf den Arm wenn sie sich fürchtet. Ich habe auch das Gefühl, dass sie sich nicht mehr so oft fürchtet.
  • Sie übt zuhause Umgangsformen wie Begrüßung, Abschied und einfache Gespräche, die sie dann mit anderen Kindern führen möchte.
  • Außerdem interessiert sie sich stärker und von sich aus für andere Kinder.
  • Sie übernimmt Verantwortung indem sie etwa von sich aus Arbeiten übernimmt ohne, dass sie dazu aufgefordert wird.
  • Kategorien wie „morgen“ und „gestern“ spielen eine Rolle, sie plant auch für den nächsten Tag.
  • Sie hat eine größere Fähigkeit zu abstraktem Denken entwickelt. Das zeigt sich auch in ihrem Spiel.

Rhythmische Entwicklungen

Es ist, als ob das Kind, das die Welt kraft einer unbewußten Intelligenz absorbierte, sie jetzt in die Hand nähme.
Maria Montessori: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau, 1972. S.150

Montessori beschreibt den Entwicklungssprung, den Kinder in diesem Alter absolvieren, als jenen vom unbewussten Schöpfer hin zum bewussten Arbeiter. Kinder unter 3 können die Welt nur in ihren Zusammenhängen verstehen. Meiner eigenen Tochter habe ich deswegen immer alles im Kontext angeboten: wir haben nicht irgendwelche Pflanzen getrocknet sondern Kräuter als Gewürze und Tee. Sie machte keine Schüttübungen aber sie konnte Schütten üben wenn sie etwas trinken wollte oder wir gemeinsam kochten. Ebenso war das Löffeln einfach ein Teil der Essensvorbereitung und des Essens und kein isoliertes Spiel. Es gab nur wenig Spielzeug, mit dem sie sich ausdauernder beschäftigte. Ich merke jetzt, wieviel Orientierung sie dadurch erlangen konnte und wieviel Genugtuung und Freude es ihr verschafft, die Funktionen der Dinge immer besser zu verstehen. Auf dieses Fundament baut sie nun, in ihrem nächsten Entwicklungsschritt, auf. Und da sie darauf vertrauen kann wie etwas im Großen funktioniert, kann sie nun kleine Teile davon heraustrennen und sich besonders damit beschäftigen. Und somit Meisterschaft über ihr Leben zu erlangen, denn:

Freiheit bedeutet nicht, dass man tut was man will, sondern Meister seiner selbst zu sein.
Maria Montessori: Grundlagen meiner Pädagogik. S.26

Ein großer Sprung erfordert Überwindung

Dass dieser Entwicklungssprung kein kleiner Hüpfer war zeigte mir mein Kind ganz deutlich. Nicht nur in der tatsächlichen Veränderung, sondern auch in deren Vorbereitung. Oft hatte ich in den letzten Wochen und Monaten das Gefühl, sie wäre sehr unruhig, wieder unselbständiger, angespannt und unsicherer. Obwohl ich um den anstehenden Prozess wusste, war ich mir dennoch nicht immer sicher, wie ich ihr Verhalten einordnen soll und wo die Gründe dafür lagen – denn auch die Schwangerschaft bringt ja einige Herausforderungen mit sich.
Dieses Verhalten ist aber wie verflogen. Zwar müssen wir uns alle noch an dieses neue Kind gewöhnen, denn es erfordert von uns neue Eltern zu sein. Aber das ist doch wieder eine schöne Herausforderung!

Das Kind tritt ins Leben ein und beginnt seine geheimnisvolle Arbeit; nach und nach prägt es seine wunderbare Persönlichkeit, die sowohl seiner Zeit als auch seiner Umwelt entspricht. Es baut seinen Geist auf, bis sich Stück für Stück das Gedächtnis bildet, die Fähigkeit, zu verstehen und zu denken. Somit erreicht es schließlich sein sechstes Lebensjahr.
Maria Montessori: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau 1972. S.25

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