Grundgedanken Was hat sich Maria dabei gedacht?

Kinder sind anders! Und wie?

Beim ganz kleinen Kind und beim normalisierten gibt es einen Drang, die inneren Kräfte zu entfalten, um mit ihnen wirken zu können. Die Bewegung auf die Umwelt zu geschieht keineswegs gleichgültig: im Gegenteil, es handelt sich da um eine intensive Liebe, um eine Lebensäußerung, die sich mit dem Hunger vergleichen läßt.
Montessori, Maria: Kinder sind anders. München 2004, S.166

Als meine Tochter geboren wurde, hatte ich wenig Ahnung davon, wie ein Kind eigentlich funktioniert. Und sie zeigte mir Mal um Mal, dass die wenigen Annahmen, die ich für gesichert hielt, genau dies nicht waren. Sie brüllte und schrie, wenn Menschen (abgesehen von mir und meinem Mann) mit ihr spielen wollten. Sie weinte, wenn etwas blinkte oder unvorhergesehen Töne von sich gab. Sie schlief nicht sonderlich viel. Sie reagierte panisch auf Badewasser. Sie wollte nicht spielen aber liebte Bücher. Sie kroch zum Wäschekorb und versuchte, sich an unserer Arbeit zu beteiligen. Sie interpretierte Schnuller und Fläschchen als schweren Betrug aber trank liebend gerne aus kleinen Gläschen Wasser. Sie wollte sich konzentrieren und sich anstrengen. Sie war vorsichtig und pingelig. Und sie forderte von uns eine penible Ordnung mit immer genau denselben Abläufen in gleichbleibender Umgebung.

Bevor meine Tochter geboren war hatte ich allerlei Pläne: Babyschwimmen und -massage. Ausflüge machen. Sie früh mit anderen Menschen in Kontakt bringen, damit sie einen weiteren Kreis an Bezugspersonen aufbauen könnte als nur unsere kleine Kernfamilie. Spielräume besuchen. Ins Babykino gehen. Und endlich einmal Zeit für mich selber haben. Manches setzte ich um, aber das meiste versuchte ich dann erst gar nicht. Denn mein starkes Kind quittierte solche Versuche mit Gebrüll. Heute weiß ich, dass sie Recht damit hatte. Es dauerte etwas bis ich erkannte, wie spektakulär das Unspektakuläre sein kann, wenn man es noch nicht kennt.

Auch wenn ich mit Montessori schon in meiner Kindheit in Berührung kam war dieses Kind der Grund, mich wiederum an sie zu wenden. Und siehe da, Maria Montessori schmetterte mir entgegen „Kinder sind anders“. Tja. Das hatte ich auch schon mitbekommen. Aber was wollte sie mir damit sagen?

Kinder sind anders – als wir denken.

Maria Montessoris große Entdeckung war, dass Kinder, die bei sich sein können, andere Verhaltensweisen an den Tag legen als Erwachsene es sich vorstellen. Und dass sich Kinder wiederum oft so verhalten wie sie es tun, weil wir Erwachsenen es uns erwarten – ohne, dass es ihrer normalen Entwicklung entspricht.

Damit ein Kind bei sich sein kann, braucht es Ruhe. Es muss die Möglichkeit bekommen, sich zu konzentrieren. Seinen Körper und dessen Wirkungen zu erfahren und auszuprobieren. Es verlangt nach Orientierung und Beständigkeit um in einem gesicherten Rahmen seine Selbständigkeit zu erproben. Es braucht Respekt, Nähe und Freiraum. Und es muss sich selber spüren dürfen – schöne und schwierige Gefühle.

Als Maria Montessori solche Kinder beobachten konnte, stellte es ihr Weltbild auf den Kopf: sie hatten nicht nur Eigenschaften hinter sich gelassen, die gemeinhin als negativ betrachtet werden. Sie hatten auch Verhaltensweisen geändert, die als positiv und teilweise als geradezu charakteristisch für die Kindheit angesehen werden: sie waren ordentlich und orientiert. Vorsichtig und zugewandt. Ruhig, sozial, geduldig und hilfsbereit. Sie wollten sinnvolle Arbeiten. Und sie wollten die wirkliche Welt – und hatten wenig Interesse an Phantastischem. Maria Montessori war der Überzeugung, dass solche Kinder die Welt verändern werden. Denn Kinder, die bei sich sein können, werden zu anderen Erwachsenen.

Sind solche Kinder immer glücklich und ruhig?

Nein, bestimmt nicht. Auch Kinder, die in sich ruhen, haben alle Gefühle: sie weinen und wüten genauso, wie sie lachen, springen und tanzen. Kinder sind Kinder.

Das war es, was in unseren Kindern vor sich ging: Da gab es eine Art Auferstehung von der Traurigkeit zur Freude, und da verschwanden zugleich eine Menge von Charakterfehlern, von denen wir befürchtet hatten, sie würden sich als unverbesserlich erweisen. Montessori, Maria: Kinder sind anders. München 2004, S.147

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.