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Die Liebe, das Essen und ein Kind

Würden Sie es nicht für ein schönes Märchen halten, wenn ich von einem Planeten erzählte, auf dem es keine Schulen und keine Lehrer gibt, wo das Lernen überflüssig ist, wo die Bewohner einfach, indem sie leben und umhergehen, anstrengungslos alles Wissen fest in ihr Gehirn einprägen? Was so unwirklich wie die Erfindung einer blühenden Phantasie klingt, ist eine Tatsache, eine Realität; denn das ist die unbewußte Art des Kindes zu lernen; das ist der Weg, den es geht. Unbewußt nimmt es alles in sich auf und wechselt allmählich vom Unbewußten zum Bewußten über auf einem Weg, der voller Freude und Liebe ist.
Maria Montessori: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau 1974, S.24

Eine meiner großen Freuden als Montessoripädagogin – neben den vielen wunderbaren Erlebnissen mit Kindern – ist, dass ich nie an dem Punkt ankommen werde, an dem ich fertig gelernt habe.
An einem Punkt, an dem ich alles verstanden habe. Es gibt immer weiter so viel Neues zu lesen, zu lernen, zu beobachten und zu reflektieren. Die Montessoripädagogik ist also ein Versprechen, dass mir mein ganzes restliches Leben hindurch nicht mehr langweilig werden wird. Ist das nicht toll?
Eine der Fragen, über die ich schon sehr lange nachdenke ist, was für mich die Ziele von Montessori sind. Ich glaube, es gibt davon sehr viele. Zumindest habe ich eine lange Liste davon auf meinem Computer.

Für mich ist ein grundlegendes Ziel, dass mein Kind seinen Platz in der Welt suchen und finden kann, es sich selber gut spürt und Verantwortung für sich und seine Umwelt übernehmen möchte. Das wünschen sich bestimmt viele Eltern für ihre Kinder. Und Montessori gibt uns einige Tipps, wie wir unsere Kinder in dieser Entwicklung begleiten und bestärken können und hat uns einiges vorgelebt.

Besonders ein sensibler Umgang mit Nahrungsmitteln spielt bei uns zuhause eine große Rolle. Ich finde es immer wieder schockierend, wieviel im Müll landet oder auf Bäumen und Feldern verrottet, weil sich die Ernte nicht lohnt. Wie wenig Beziehung wir zu unserem Essen entwickeln und wie fremd es uns oft geworden ist. Wie versuchen wir also, zuhause mit dem Thema Nahrung und Ernährung umzugehen?

1. Beobachten, was um uns wächst

Weizen, Rucola und Löwenzahn in den Wegritzen, Frauenmantel auf der Wiese, wilde Erdbeeren, Bärlauch und Holunderblüten – ich kann mich gut daran erinnern, was solche Entdeckungen für mich als Kind bedeutet haben. Noch heute freue ich mich, wenn ich auf Obst, Beeren und Kräuter stoße und auch meine Tochter ist von solchen Funden fasziniert. So gibt es auf einer unserer Lieblingswiesen einige wilde Apfelbäume mit winzig kleinen, zuckersüßen Äpfelchen die wir uns pflücken und gleich essen können.

2. Gemüse selber anpflanzen

Auch ohne Garten und Balkon ist es uns gelungen, Tomaten, Ingwer und verschiedene Kräuter auf unserem Fensterbrett zu ziehen. So konnten wir ihren Wachstumsprozess von Anfang bis zum Ende beobachten – und auch wenn meine Tochter Tomaten verabscheut, fand sie ihr Wachstum, und vor allem auch das unserer riesigen Pflanze, doch sehr beeindruckend.

3. Mit dem Kind einkaufen gehen

Wir sind mittlerweile in der Situation, kaum mehr im Supermarkt einkaufen zu gehen. Und ich fühle mich damit sehr wohl. Samstags gehen wir gerne auf den Bauernmarkt. Das Angebot dort ist regional, saisonal, bio und oft weitaus günstiger als im Geschäft. Wir lernen dort die Menschen kennen, die sich um unsere Lebensmittel gekümmert haben und denen sie etwas bedeuten – das merkt auch meine Tochter. Außerdem beobachten wir gemeinsam, wie sich das Angebot über das Jahr verändert. Ebenso sind wir Teil einer Foodcoop und holen deshalb viele Lebensmittel aus einem erweiterten Freundeskreis. Das bedeutet auch, nicht genau einschätzen zu können, was wir bekommen – und uns gegebenenfalls Wege zu überlegen, Dinge haltbar zu machen. Oder was macht man mit 15 kg Tomaten die abends plötzlich vor der Türe stehen?
Meine Tochter wird in all diese Prozesse miteinbezogen und spielt eine sehr aktive Rolle. Wir überlegen gemeinsam was wir brauchen, schreiben es uns auf, wählen das Gemüse aus und auch zahlen und tragen macht ihr nichts aus.

4. Lebensmittel genau betrachten und probieren

Ich stelle mir vor, ich wäre 2 Jahre alt und sehe das erste Mal eine Quitte. Sie duftet so gut, dass man sie in der ganzen Wohnung riechen kann. Dann schneiden wir sie auf, die Kerne blitzen und plötzlich kriecht uns eine kleine Raupe entgegen. Und weil wir sie roh nicht essen können schneiden wir sie in Stücke und kochen uns ein süßen Kompott mit viel Zimt.
Wenn ich meine Tochter bei solchen Aktivitäten beobachte merke ich, wie faszinierend diese alltäglichen Dinge in diesem Alter noch sind. Sie zeigt mir, wie besonders schön etwas duften kann und wie sehr man sich über wurmstichiges Obst freuen kann – denn es zeigt uns, welche Kreisläufe es im Leben gibt.

5. Mit Kindern kochen

Aber nicht nur auf offensichtlich schöne Gerüche macht mich mein Kind aufmerksam, sie riecht an allem, was wir kochen, fühlt, ob es nass, trocken, hart oder weich ist, kommentiert Farbe, Form und Geschmack. Mittlerweile weiß sie selber, was wir in Wasser kochen und was nicht, wie Paprika, Karotten und Kartoffeln geschnitten werden müssen, wovon sie naschen kann und wovon nicht. Sie kann Hefeteig kneten, bis kein Teig mehr an den Fingern kleben bleibt, Brötchen und Kekse formen und Kuchen backen. Und sie liebt es. Auch wenn sie manchmal schon ganz genau weiß, wovon sie bestimmt nicht probieren möchte.

6. Über Lebensmittel sprechen

Oft plaudern wir beim Kochen – über den Tag, über Pläne oder Vorlieben. Aber ich erzähle ihr auch gerne die Geschichte der Nahrungsmittel, die wir verarbeiten. Wie wurde aus dem kleinen Kern ein großer Apfel – und wer hat sich darum gekümmert? Wen hat es gebraucht, damit wir dieses Produkt nun verarbeiten und essen dürfen? Was macht eigentlich ein Bauer und warum kommen manche Dinge aus eine Fabrik?

7. Eine Mahlzeit gemeinsam genießen

Zu vielen Nahrungsmitteln habe ich eine besondere Beziehung, weil ich sie mit wichtigen Personen und schönen Momenten in meiner Kindheit verbinde. Auch heute noch ist die soziale Komponente, das miteinander essen für mich sehr wichtig. Es ist ein Ort des Austauschs, eine ruhige halbe Stunde, zu der wir uns als Familie zusammenfinden. Wir essen bewusster und langsamer, tauschen uns über unsere Vorlieben und Geschmäcker aus und freuen uns über eine gelungene Mahlzeit.

8. Den Geschmack des Kinds respektieren

Oft lese ich, dass Kindern Gemüse irgendwie untergejubelt wird. Das macht mich traurig, denn mein Kind hat seine Gründe, manche Dinge nicht essen zu wollen – auch wenn sie für mich nicht nachvollziehbar sein mögen. Ich möchte nicht, dass mein Kind das Gefühl hat besonders aufpassen zu müssen, damit es nicht versehentlich etwas isst was es nicht möchte. Vielmehr möchte ich, dass mein Kind sich selber dazu entscheiden kann und mit viel Lust das ausprobieret, wofür sie sich entscheidet.

Eine weitere schöne Möglichkeit, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, sind Bücher. Hier kann ich zwei besonders empfehlen:

In Danke, gutes Brot! wird der Weg von einem kleinen Weizenkorn bis zum gemeinsamen Brotbacken von Mutter und Kind beschrieben. Die Bilder sind von Anne Möller, die eine wunderbare Stimmung schafft. Die Sprache ist leicht verständlich und der Text nicht zu viel, sodass es auch für kleinere Kinder geeignet ist. Ich selber würde es, je nach Kind, ab etwa 2,5 Jahren anbieten.

Max kocht Spaghetti ist davon völlig verschieden. Es handelt von drei Kindern die sich entschließen, selber den Einkauf und das Kochen zu übernehmen, begleitet sie bei ihren Vorbereitungen und Vorüberlegungen und endet schließlich mit dem gemeinschaftlichen Abendessen. Auch wenn meine Tochter die gezeigten Abläufe bereits gut kennt mag sie das Buch sehr. Am Ende findet sich noch das passende Rezept, so ladet die Geschichte gleich zum selber ausprobieren ein.

*Beitrag enthält Affiliate-Links*

2 thoughts on “Die Liebe, das Essen und ein Kind”

    1. Oh, gerne! Eine Altersempfehlung ist nicht ganz einfach, da sich bei den jungen Kindern schnell so viel verändern kann. Da das Buch aber einigen Text hat und auch das Sozialleben älterer Kinder (3+) darin beschrieben ist würde ich es nicht vor 2,5 anbieten. Meine Tochter ist jetzt 2 Jahre und 8 Monate alt und für sie wird es jetzt interessant, da sie es an ihren Alltag rückbinden kann. Allerdings ist es auch für ältere und schon selbständigere Kinder schön, da sie zu selbständigem Tun animiert werden, ich würde es auch noch 5-jährigen anbieten.

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