0-6 Monate Der vorbereitete Erwachsene Interviews Schwangerschaft und Geburt

„Einer Geburt beizuwohnen und Kinder zu begleiten kann einen demütig werden lassen.“ – Ein Interview mit Pamela Green von Ananda Montessori

You can find the english version here.

Ich freue mich sehr, dass Pamela Green sich Zeit genommen hat, einige meiner Fragen zu beantworten. Sie ist für mich eine ganz besondere Person in der Montessoriwelt – eine Verbündete der Allerjüngsten mit der Mission, diese Willkommen zu heißen und ihre Eltern in den ersten Tagen, Wochen und Jahren der Elternschaft zu unterstützen. Sie lebt gemeinsam mit ihrem Mann in einer Stadt in der Nähe des Eriesees in den USA.

Liebe Pamela, kannst du etwas über dich erzählen?

Hallo, und ich bedanke mich dafür, dass ich eingeladen wurde, hier etwas über mich selber zu teilen. Mein Name ist Pamela Green und ich bin Mutter zweier erwachsener Söhne, die beide Montessorieinrichtungen besucht haben. Ich bin froh darüber, Montessori-Elternschaft erlebt zu haben. Es hat mir geholfen, die einzigartige Reise zu sehen auf die Eltern sich begeben, wenn ihre Kinder die Welt von Montessori betreten.

Am liebsten bin ich bei meinen Kindern, deren Partnern und meinem Ehemann. Elternschaft hört nie auf und mittlerweile erlebe ich das Glück zu sehen, wie sie ihre eigenen Leben führen. Ich liebe es auch, mit meinen Eltern und Geschwistern Zeit zu verbringen. Ebenso zu reisen, draußen zu sein und auf unserem Segelboot auf dem Eriesee zu segeln. Besonders, auf unserem Boot einzuschlafen, nachdem ich ein gutes Buch gelesen habe.

Meine erste Begegnung mit Montessori ereignete sich 1981 bei dem Besuch einer Montessorieinrichtung, zu der ich dann als Pädagogin zurückkehrte und die ich später für viele Jahre leitete. Dieser erste Besuch eines Kinderhauses, vor so langer Zeit, war ein bestimmender Moment in meinem Leben, und ich konnte in der Tiefe meiner Eingeweide fühlen, wie etwas in mir erwachte. Ein Verlangen, das Kind zu studieren, welches für mich zu einem Pfad der Selbstreflektion und Erkundung wurde, einer spirituellen Vorbereitung und Praxis. Noch immer lerne ich von den Kindern, denen ich dienen darf, wie auch von ihren Eltern.

Einer der Gründe, warum ich 2014 mein eigenes Projekt „Ananda Montessori“, gegründet habe, ist meine Liebe dazu, Eltern zu begleiten. Das Wort „Ananda“ bedeutet großes Glück oder göttliche Freude. Für mich beschreibt das den natürlichen Zustand des Kindes, und Maria Montessori nimmt darauf in ihren Lehren Bezug.
Mein aktuelles Programm, welches Montessori für Babys, Kleinkinder und Kinderhauskinder (Anm. 3-6-jährige) umfasst, besuchen Kinder gemeinsam mit ihren Eltern. Es ist eine schöne Erfahrung für mich, den Einfluss zu sehen, den das zielgerichtete Beobachten der Kinder in einer Vorbereiteten Umgebung auf die Eltern hat. Sie beginnen, nicht mehr nur das Kind zu sehen, das sie kennen, sondern jenes, das am werden ist.

Neben dem Begleiten der Klassen biete ich Beratung und Begleitung für Eltern, Pädagogen und Schulen an. Ich bin Elternberaterin für Positive Discipline und begleite Workshops für Eltern und Gruppen, aber veranstalte auch Seminare zu Montessoripädagogik, Montessori zuhause, Montessori für werdende Eltern und einer Reihe anderer Themen. Manche deiner Fragen betreffen meine Dienste als Geburtshelferin, was ich seit 1990 mache. Teil meiner Mission bei Ananda Montessori ist es, eine Brücke zwischen meiner Arbeit als Geburtshelferin und meiner Montessoriarbeit zu bauen.

Montessori beginnt mit der Empfängnis. Als Childbirth Educator, Doula, assistierende Hausgeburtshebamme und Montessoripädagogin begleitest du Mütter und Familien während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (für das wir den Begriff symbiotische Phase verwenden). Was machst du da und was ist der spezifische Montessoriansatz?

Danke für diese Frage. Auf meiner eigenen Reise auf meinem Montessoriweg ist es mein Ziel, so präsent und aufmerksam zu sein, wie ich kann, wenn ich Müttern, Kindern und Familien diene.

In Bezug auf eine Schwangerschaft gibt es vieles, was mich vom montessorischen Verständnis dieser Zeit anspricht. Eines ist, dass ein ungeborenes Kind ein vollwertiges Leben führt, das aufgrund biologischer Vorgänge und wegen seinem Wachstum von seiner Mutter abhängig ist. Es existiert aber bereits in seiner eigenen Welt, erforscht und entdeckt selber. Das Kind ist in einer sensiblen Periode für Bewegung, und während das Kind sich entwickelt werden seine Bewegungen und Sinne verfeinert. Es ist interessant, dass ungeborene Babys hören, Aromen schmecken und auf Gefühle und das Befinden um sie herum reagieren. Kürzlich haben Studien gezeigt, dass die Ungeborenen in der späten Schwangerschaft einen besonderen Sinn für Gerüche haben. Im Grunde nehmen sie alles, was ihre Mutter erlebt, auf allen Ebenen auf. Dieses Verständnis biete ich Eltern an. Als eine Möglichkeit, sich während der Schwangerschaft auf das einzigartige Leben ihres ungeborenen Kindes einzulassen. Sie können bereits Wege diskutieren und zu ausprobieren, mit ihrem Kind zu kommunizieren und sich mit ihm zu verbinden. Wir müssen nicht darauf warten, bis das Baby geboren ist, um eine Beziehung mit unserem Kind zu haben. Und unsere Beziehung ist dabei intim und gegenseitig.

Die Art, wie ich Frauen während der Geburt unterstütze, ist über weite Bereiche dieselbe, wie ich Kinder im Klassenzimmer begleite – in allen meinen Funktionen, in denen mich die Familien für die Schwangerschaft und kommende Geburt engagieren können. Worauf es in beiden Fällen ankommt ist ziemlich ähnlich: eine Umgebung von Vertrauen, Sicherheit, Raum, Ruhe und Präsenz zu erzeugen und das Geheimnis des Unbekannten anzunehmen. Ein Aspekt, von dem ich denke, dass er stimmt, ist dass wir, wenn wir erst einmal geboren sind, Momente voll neuer Potentiale und Möglichkeiten erleben. Sie sind wie der Raum zwischen zwei Atemzügen. Maria Montessori sagte dazu:

Das berücksichtigend ist meine Rolle, Eltern und ihren Kleinkindern und Kindern zu helfen, eine Umgebung bereitzustellen, in der natürliche Prozesse stattfinden können. Und auch, das intuitive Wissen von Mutter und Kind zu respektieren, ihre Fähigkeit, sich aus einem inneren Bedürfnis und Wissen zu entwickeln. Für mich liegt hier der Unterschied, einen natürlichen Prozess zu ermöglichen, oder einen mit einem gewissen Ziel initiieren zu wollen.

Das erinnert mich an das folgende Zitat des französischen Geburtshelfers und Fürsprechers, Michel Odent:
“One cannot actively help a woman give birth. The goal is to avoid disturbing her unnecessarily.”

Diese Philosophie und dieses Verständnis gelten für das, was wir über die Geburt wissen. Und auch dafür, was wir, basierend auf Montessori, über das Kind wissen. In beiden Fällen hemmt oder blockiert eine Störung den natürlichen Prozess. Ich habe dieses Ziel auch im Moment der Geburt: zu beobachten, anzuleiten wenn nötig, und Geduld und Vertrauen zu haben. Als Geburtsbegleiter berühren wir ein zur Welt kommendes Baby mit Sanftheit und Respekt. Die ersten Hände, die das Baby begrüßen, wenn es nicht die der Eltern sind, sind unsere. Die Vorbereitung des Geburtsortes kann so weit wie möglich aus der Perspektive des Neugeborenen geschehen. Nicht aus der Perspektive, die Situation für die Geburtshelfer zu vereinfachen.

Nach der Geburt sucht das Neugeborene nach Referenzpunkten, die ihm aus der Zeit im Inneren seiner Mutter bekannt sind. Wenn, etwa in Geburtszimmern zuhause oder im Spital, andere anwesend sind, suchen Neugeborene die Gesichter ab bis sie den Blick der Mutter finden. Sie schauen manchmal länger als dreißig Minuten herum. Dann beginnt ihre Zeit der Anpassung … den Herzschlag der Mutter zu hören und zu fühlen, ihr Geruch, ihre Vibrationen, wie auch die des anderen Elternteils. Sich gegenseitig so kennenzulernen ist ein zeitloser Schatz, dem großer Respekt gezollt und viel Raum gegeben werden sollte. Nach einiger Zeit, in der ich diese Momente beobachte, werde ich mich vielleicht einbringen und die wunderbaren Wege, in denen Eltern ihren Kindern das Anpassen durch Hautkontakt erleichtern, spiegeln. Wahrzunehmen, wie heimisch das Baby bei ihnen ist. Auch der Umgebung gegenüber bin ich aufmerksam, achte darauf, dass es ruhig bleibt und die Lichter gedimmt sind. Und ich lade andere ein, der Familie Zeit für sich zu geben, wie es im Vorhinein bereits besprochen worden wäre.

Ich denke, ein zentrales Thema in allen Bereichen der Montessoripädagogik ist die Vorbereitete Umgebung. Während der Schwangerschaft ist der Körper der Mutter die Vorbereitete Umgebung für das Kind. Wie können wir sie herrichten? Und gibt es auch hilfreiche Dinge, die wir in die Umgebung der Mutter implementieren können?

Bereits vor dem Eintreten einer Schwangerschaft können wir uns auf sie vorbereiten, indem wir uns überlegen, was unsere Motivationen und Intentionen dafür sind, schwanger zu werden…. ob es eine geplante Schwangerschaft ist. Wir können uns vorbereiten, indem wir uns einige Zeit zur Selbstreflektion nehmen und abwägen, ob es der geeignete Zeitpunkt in unserem Leben ist, um schwanger zu sein und Eltern zu werden. Diese Überlegungen können auch beinhalten, dass wir unsere eigene Kindheit, die Art, wie wir erzogen wurden, und unsere vorangegangenen Schwangerschaften und Geburten reflektieren. Wir können unsere momentanen Lebensumstände betrachten und uns vorstellen, zur jetzigen Zeit ein Kind darin willkommen zu heißen. Gibt es körperliche Änderungen, Veränderungen unserer Lebensart oder Verschiebungen unserer Perspektiven die wir angehen können, um unsere Körper, unsere Seele und unseren Geist gesunder zu machen?

Ich glaube, wir tragen Prägungen früherer Generationen über Schwangerschaft, Wehen, Geburt, die nachgeburtliche Zeit, Babypflege und Elternschaft in uns. In meinen Geburtsvorbereitungsgruppen überlegen wir uns, welche Geburtsgeschichten aus Gegenwart und Vergangenheit wir in uns tragen, und auf welche Arten sie unsere Gefühle in Bezug auf Schwangerschaft und Geburt beeinflussen. Ist es eine Zeit von Vertrauen, Gesundheit, Stärke und Glaube, oder ist es eine voll Sorge, Krankheit und Angst vor dem Unbekannten? Oft sind es gemischte Gefühle, aber sie ans Licht zu bringen erlaubt uns, neue Wege zu entdecken und zu erforschen, wie wir unsere eigene Geschichte schreiben können. Dieser Prozess kann ermächtigend und aufschlussreich sein.

In einer anderen Weise habe ich mich auf meine eigenen Geburten vorbereitet, indem ich meine Bedenken, Gedanken, Gefühle und Fragen in einem Beobachtungsbuch erfasst habe. Ich habe auch meine Träume niedergeschrieben, da sie für mich immer ein Zugang zu unbewussten Teilen meiner Selbst waren. Das war beides hilfreich für mich. Ich empfehle es allen, die dafür Interesse haben, und natürlich können beide Elternteile Aufzeichnungen machen. Diese Journale können ein kostbares Babybuch werden, mit dem wir uns erinnern, und das wir wiederlesen können.

Mütter können auch üben sich zu entspannen, sich bewegen und sich auf eine ausgewogene Art ernähren. Unterstützen kann das auch der Partner, indem er ausprobiert, was seiner Partnerin dabei hilft, ob Musik, Berühren etc. hilfreich sind. Wenn wir jeden Tag üben, uns zu entspannen, vielleicht mithilfe derselben Musik, wird es in unserem Körper und unserem Geist zu einem Trigger, der zu einer Hormonausschüttung sowohl bei Mutter als auch beim Kind führt und sie entspannt. Wenn wir diese Gewohnheit in den Geburtsablauf mit einbringen, kann es ein sehr hilfreiches Werkzeug sein.

Schwangerschaft kann auch eine Zeit für Einsichten sein: wo möchte ich meine Zeit verbringen und mit wem? Vor der Schwangerschaft waren wir ein Individuum und nun tragen wir ein Leben in uns, das wir unterstützen und mitberücksichtigen müssen. Es kann sein, dass wir eine stärkere Sensibilität in Bezug auf unsere Umgebung, Gerüche, Nahrung, Menschen, Geräusche und die Tiefe unserer Gefühle erleben, und ich denke, dies kann neue Überlegungen darüber anregen, was uns und unser Kind unterstützt.

Ein weiterer Faktor, den wir in dieser Zeit bedenken, ist der physische Ort der Geburt: wo und mit wem wir gebären wollen. Zu beginnen, dies auszuloten, ist ein persönlicher Prozess für die Mutter oder das Paar. Am Ende steht aufgrund dieses Auslotens eine Entscheidung über Begleitung und Ort, aber herauszufinden, welche Möglichkeiten vorhanden sind, Beratungen einzuholen, ist die Aufgabe der Eltern. Wenn einmal die Begleitpersonen gefunden sind, betritt man einen neuen Schwangerschaftsabschnitt, in dem es darum geht, Kommunikation, Kooperation und Vertrauen in diejenigen aufzubauen, die uns unterstützen wenn wir unser Baby gebären und uns auf unserem Weg in die Mutterschaft begleiten.

Welche Rolle spielt der Vater während Schwangerschaft und Geburt? Was sind seine Aufgaben, wie kann er miteinbezogen und vorbereitet werden?

Väter, oder Partner, haben ihren eigenen Selbstfindungsprozess während der Schwangerschaft, um über diese lebensverändernden Ereignisse nachzusinnen. In ihnen kann die Frage aufkommen, welche Rolle sie in dieser Zeit, die sehr Mutter-Baby-zentriert ist, einnehmen können. Es können auch Gedanken auftreten, wie ein Vater oder Partner als Elternteil sein wird. So, wie Mütter sich in mehr natürliche oder primitivere/intuitivere Stadien zurückziehen, denke ich, tun es auch die Väter. Das kann sich in dem Wunsch äußern zu beschützen, alles sicher sein zu lassen, und manchmal in Unsicherheit darüber, wie sie als Eltern sein werden. Hilfreich finde ich es, dem anderen Elternteil zu erlauben, seine Fragen und Bedenken zu teilen und ihren eigenen Weg anzuerkennen. Gestern wohnte ich einer Spitalsgeburt bei und auch in diesem Setting beobachtete ich einen Mangel an Anerkennung und eine Missachtung des Vaters. Hier braucht es noch immer viel Aufklärung in der technokratischen Welt der Geburt, die von einer Hausgeburtsumgebung sehr verschieden ist.

Um zusammenzufassen, wie tiefgreifend ein Vater die Schwangerschaft prägen kann und wie ein Vater beeinflussen kann, wie eine Mutter als Mutter sein wird, biete ich dieses Zitat des englischen Psychoanalytikers D.W. Winnicott an:
“He can help provide a space in which the mother has elbow room; properly protected by her man, the mother is safe from having to turn outwards, from having to deal with her surroundings at a time when she is wanting so much to turn inwards, when she is longing to be concerned with the inside of the circle, which she can make with her arms in the center of which is the baby.”

Maria Montessori hat wiederholt darüber geschrieben, welche negativen Auswirkungen die Geburt für das Kind haben kann. Aber ich habe das Gefühl, dass sie wenig über die Kriterien einer erfolgreichen Geburt geschrieben hat. Was macht, aus deiner Erfahrung, die Geburt zu einem positiven Akt für Kind und Mutter?

Maria Montessori schreibt in „The Secret of Childhood“:

“Care should be employed in lifting a child. This requires a certain amount of practice and skill…The manner in which we touch and move a child, and the delicacy of feeling which should inspire us at the time, makes us think of the gestures that a priest uses at the altar. His hands are purified, his motions are studied and thoughtful, and his actions take place in silence and in darkness that is penetrated only by a light that has been softened in its passage through stained glass windows. A feeling of hope and elevation pervades the sacred place. It is in surroundings such as these that a newborn child should live.”* 
Für mich trifft dieser Absatz sowohl auf die Zeit der Geburt, als auch auf die Pflege des Neugeborenen zu. Diese Worte und ihre Intention kommen mir bei jeder Geburt, der ich beiwohne, in den Sinn. Sie behandeln die Umgebung der Geburt, die heilig ist, wo sie auch immer stattfindet. Das ist so, weil wir die Umgebung mit Bedachtsamkeit, Aufmerksamkeit und Fürsorge vorbereiten können. Diese Vorbereitung der Geburtsumgebung, die auch manchmal Geburtsambiente genannt wird, hilft auf großartige Weise, den Übergang und die Anpassung des Neugeborenen zu erleichtern.

Jede Geburt hat einen Einfluss auf diejenigen, die ihr beiwohnen. Die Reaktion und der Respekt der Geburtshelfer, die eine Umgebung von Vertrauen, Sicherheit und offener Kommunikation gestalten, sind Teil eines ermächtigenden Geburtserlebnisses. Manchmal gibt es unerwartete oder ungeplante Ausgänge von Geburten. Aber eine Veränderung kann eintreten ohne etwas Schlechtes zu sein, wenn das Ziel ist, dass alle aufmerksam und geduldig einem sich entfaltenden Erlebnis beiwohnen.

Wenn andere sich zurückhalten, ist es in einem normalen Geburtsverlauf üblich, dass eine Mutter hinuntergreift und ihr Kind hochnimmt. Meistens zu ihrer linken Brust, ihrem Herzschlag am nächsten. Die Überraschung, die Freude und die Glückseligkeit im Gesicht einer Frau in diesem Moment sind unvergesslich.

 

Was machst du als Doula, Geburtshelferin und Pädagogin genau während der Geburt? Wie kannst du den Prozess unterstützen?

Das erinnert mich an eine Aussage von Dr. Montessori als sie gebeten wurde, ihre Philosophie auf den Punkt zu bringen: „Attendere Osservando“ (warte und beobachte).

Dieses schöne Statement drückt aus, wie ich meine Rolle als Geburtsbegleiterin und als Montessorianerin empfinde. Eine wachsame Beobachterin zu sein, aber nicht passiv, sondern bewusst und voller Vertrauen. Zu verstehen, dass ich an einer heiligen und tiefschürfenden Zeit teilhabe, und ich sie durch die Art, wie ich in mir selber bin, beeinflusse. Es ist nicht meine Arbeit, auch wenn ich sie miterlebe und assistiere. Es ist die von Mutter und Kind. Einer Geburt beizuwohnen und Kinder zu begleiten kann einen demütig werden lassen. Wenn ich denke, dass ich weiß was als nächstes passieren wird, offenbart sich wieder eine neue Erfahrung. Meine Arbeit ist die Art, wie ich darauf reagiere, in meinen Gedanken, Bewegungen, meiner Sprache. Und meine Sensibilität dafür, nicht zu unterbrechen und dennoch bereit zu sein zu helfen, wenn es nötig ist. Sowohl im Klassenraum, als der Umgebung des Kindes, wie auch in der Geburtsumgebung, sind Mutter und Kind äußerst sensibel. Sie brauchen Raum um sich selber aufzubauen, was nicht durch andere bewerkstelligt werden kann.

Die Geburt ist einer der größten Schritte, die wir gehen können. Was bedeutet sie für die Entwicklung des Kindes? Einerseits ist die Geburt wichtig für die Unabhängigkeitsentwicklung, andererseits ist das Neugeborene völlig von den Menschen abhängig, die es umgeben. Wie können wir es in seiner Unabhängigkeit unterstützen und es gleichzeitig spüren lassen, dass es bei uns sicher ist?

Während der Schwangerschaft können wir damit beginnen, mit unserem Kind in Beziehung zu treten und mit ihm zu kommunizieren. Und, was grundlegend für unsere Vorbereitung ist, an uns selber zu arbeiten. Wir sind für unser Kind die Welt, jedoch beginnt mit dem Augenblick der Geburt eine Bewegung, die es langsam von uns entfernt. Es gibt eine Abhängigkeit des Neugeborenen von seiner Mutter und seinem Vater. Aber das muss nicht bedeuten, dass diese Abhängigkeit von einer Art ist, die das natürliche Wachstum des Neugeborenen behindert. Die Bedürfnisse des Babys beinhalten sich zu bewegen, zu beobachten, über ihre Sinne zu interagieren, zu kommunizieren und Vertrauen in den Armen, in denen sie gehalten werden, zu erfahren. Um dann langsam Vertrauen in Beziehung zu ihrer weiteren Umgebung aufzubauen.

Wir können unsere externe Beobachtung des Neugeborenen in den ersten Minuten, Tagen und Wochen nach der Geburt beginnen. Vielleicht werden wir wahrnehmen, dass unser Baby nahe und mit Hautkontakt gehalten werden möchte, und dass es, wenn es nahe gehalten wird, sich in seine ihm bekannte, fetale Position einrollt. Wir können ihre frische Erinnerung daran, wie ihr Körper sich durch das Wasser bewegt, zurückrufen. Nun erfahren sie Schwerkraft, die überraschende Realität eines Körpers, der auf Objekte trifft. Besonders ganz zu Beginn können wir eine äußere Umgebung schaffen, die der inneren Umgebung so ähnlich wie möglich ist. Mit gedimmten Lichtern, begrenztem Besuch, Ruhe … ausgenommen unserer natürlichen Wohngeräusche, an die sie gewohnt sind.

Wir können das Baby durch Berührung und Füttern, Halten und Tragen nähren, und die Anhaltspunkte und Hinweise, die uns unsere Babys zeigen, zu verstehen beginnen. Das ist für Eltern ein Lernprozess. Neben dem Festgehalten- und Getragenwerden genießen Neugeborene auch Zeiten freier Bewegung, in denen sie sich nicht begrenzt fühlen. Für Neugeborene ist es nicht unüblich auf dem Boden zu liegen und die Bewegung des Lichts, vielleicht ein Mobile oder ihre eigene Reflektion in einem Spiegel zu beobachten. Eltern beginnen zu entdecken, was wirklich gebraucht wird, und eine Balance zu finden. In jeder Art von Interaktion ist es jedoch wichtig, sich langsam zu bewegen, Augenkontakt mit dem Baby zu suchen bevor wir sprechen, so, wie wir es bei jeder anderen Person auch tun würden. Wir suchen nach Momenten, in denen wir uns zu unserem Kind gesellen können, ohne es in seiner Arbeit zu unterbrechen. Und durch jede Interaktion verbinden wir uns mit ihm.

Ich denke, dass das Stillen eine besondere Rolle gerade in dieser Zeit hat. Während des Stillprozesses findet ein Kind viele Anknüpfungspunkte, die es bereits aus der Schwangerschaft kennt: den mütterlichen Herzschlag, Geruch, Geschmack und Stimme. Gleichzeitig hat es Körperkontakt und ernährt sich. Was ist noch hilfreich während der ersten Wochen?

Ja, ich stimme zu, dass Stillen wunderbar ist – wenn es die Art ist, wie wir unser Kind ernähren wollen. Der Großteil der Frauen, die ich begleite, stillt, aber manche entscheiden sich dagegen. Das ist ihre persönliche Entscheidung. Dennoch ist das Ernähren eines Babys ein Erlebnis, das all das, und noch mehr, beinhaltet, was du erwähnt hast. Die erste Beziehung eines Neugeborenen ist die zu seiner Mutter. Sowohl für das Kind, als auch für die Mutter, ist das Ernähren eine Zeit der Kommunikation, der Berührung und des Nährens.

Es hilft dem Kind, nah gehalten, gestützt zu sein und die Möglichkeit zu haben, außerhalb des Körpers der Mutter eine ähnliche Position einzunehmen, die sie aus der Zeit im Inneren des Bauches kennen. Die Mutter drückt das Baby an ihren Körper als wäre es noch immer in ihr. Dies ist von großer Behaglichkeit und Studien haben gezeigt, dass Neugeborene, die überhaupt keinen Körperkontakt mit Erwachsenen haben, verstört werden, ihre Körper versteifen, und dass sie vielleicht weinen. Es ist nicht das, was sie aus der vorgeburtlichen Zeit gewohnt sind und es ist für sie auch nicht natürlich.

Eltern, die ihr Kind beobachten, werden es mit der Bereitschaft begleiten, seine nächsten Entwicklungsschritte zu sehen. Während der ersten 6 bis 8 Wochen, aber auch durch die Zeit, die Maria Montessori als eine zweite Schwangerschaft beschreibt, also die ersten 9 Monate nach der Geburt. Nach dieser Zeit tritt das Kind in ein neues Stadium der Unabhängigkeit ein.

Welche Möglichkeiten hat der Vater, mit seinem Kind in Kontakt zu kommen? Gibt es auch bei ihm spezielle Anknüpfungspunkte?

Ja, es gibt gewiss besondere Anknüpfungspunkte des Vaters oder Partners, die sich von jenen der Mutter unterscheiden. Die Stimme eines Mannes ist tiefer, und während der Schwangerschaft sein Gesicht auf den Bauch zu legen und zu sprechen, zu singen oder zu lesen, kann eine wunderbare Erfahrung und Verbindung sein. Ich habe oft gehört, dass sich das Baby während dieses Kontakts mittels Berührungen und Geräuschen beruhigt und sogar einschläft. Die Nähe der Vibration durch das Atmen gegen den Bauch wird ein Teil des Erlebens des Kindes.

Die Beziehung der Eltern beeinflusst das Baby vor der Geburt und auch danach. Wie ich vorher erwähnt habe, ist ein ungeborenes Kind gegenüber dem emotionalen Status der Mutter sensibel, und ich habe das Gefühl, dass dies auch auf das andere Elternteil zutrifft. Gemeinsam Zeit als Familie während der Schwangerschaft zu verbringen, sich an der Vorbereitung zu beteiligen und z.B. gemeinsam einen Geburtsvorbereitungskurs zu besuchen, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Existenz dieses neuen Kindes.

Während der Wehenphase und der Geburt kann der Vater so stark beteiligt werden, wie er es sich wünscht. Und nach der Geburt wird das Neugeborene auf den Klang seiner Stimme, seinen Geruch und das Gefühl seiner Haut reagieren. Viele Väter und Partner mit denen ich arbeite achten auf Hautkontakt, wenn sie ihr Baby halten. Es ist immer interessant zu sehen, wie das Baby sich auf andere Art auf ihrem Brustkorb niederlässt, als auf dem Körper der Mutter. Das Baby weiß in kurzer Zeit, vielleicht nach einer Stunde, dass jedes Elternteil einzigartig ist. Vor Kurzem war ich bei einer Geburt, bei der der Vater die Tochter unter seinem Oberteil an seiner Brust hielt und für sie sang. Sie sah ihm in die Augen und beide verliebten sich. Dann schlief sie tief und mit dem Gefühl von Sicherheit ein.

Eine besondere Herausforderung können ältere Geschwisterkinder sein. Hast du Ratschläge, wie man mit dieser komplizierten Situation umgehen kann?

Ich denke, ein Grund warum wir manchmal das Gefühl haben, dass etwas schwierig ist, ist, dass manche Frauen sich in der Schwangerschaft fragen: werde ich etwas in der Beziehung zu meinem älteren Kind verlieren, wenn ich dieses nächste gebäre? Wird mein anderes Kind einen Verlust von mir erfahren oder betrüge ich es auf eine Art? Dies ist unabhängig davon, das wievielte Kind sie in ihre Familie bringen. Ich habe es sehr, sehr oft schwangere Frauen aussprechen gehört und ich erinnere mich daran, dass auch ich das während der Schwangerschaft mit meinem zweiten Kind empfunden habe. Manchmal wird es nicht ausgesprochen, aber gefühlt. Unsere Herzen und Schöße sind groß genug für unsere Kinder, und dennoch tauchen diese Zweifel und Sorgen auf, wenn wir uns der Geburt nähern. Ich habe herausgefunden, dass ich diese Sorgen durch Gespräche mit anderen Müttern, das Aufzeichnen und mit meinem Mann zu sprechen, aktiv bearbeiten konnte, anstatt passiv und reaktiv zu bleiben.

Ich empfehle, das Leben so normal wie möglich weiter zu führen. Und darauf zu achten, die Erfahrungen des älteren Geschwisterkindes nicht mit unseren Ideen und Erwartungen zu überlagern. Sondern es als eine Zeit des Überganges zu betrachten.

Ich würde auch die Vorstellung, dass es kompliziert wird, überdenken. Anders? Ja. Neu? Ja. Und dennoch gibt es Wege, wie wir uns bewusst machen und planen können, in diese neue Erfahrung einzutreten. Sie willkommen zu heißen und zu akzeptieren. Wie wir damit umgehen, wenn die älteren Kinder mit dem Neugeborenen interagieren, ist etwas, worüber wir nachsinnen können. Ich habe gemerkt, dass manche Eltern sich ein bestimmtes Verhalten von ihrem älteren Kind erwarten, und deswegen die Zeit limitieren, die das Geschwisterkind mit seinem Bruder oder seiner Schwester hat. Ich schlage vor, das Gegenteil zu tun. Die beiden einander mit behutsamer Anleitung vorzustellen, aber ihnen auch Raum zu überlassen, selber auszuprobieren. Ich glaube daran, dass sie sich kennen und darauf gewartet haben, sich zu treffen.

Wenn das ältere Geschwisterkind während der Schwangerschaft miteinbezogen wurde, indem über das Baby gesprochen wurde, es die Bewegungen seines Bruders oder seiner Schwester fühlen durfte, erleichtert es diese Zeit. Ein älteres Geschwisterkind kann, abhängig von seinem Alter, dem Baby sogar etwas während der Schwangerschaft vorlesen. Sie können bei der Vorbereitung der Umgebung von Mutter und Kind nach der Geburt miteinbezogen werden. Windeln, Tücher, Cremes und leichte Decken können alle tief genug aufbewahrt werden, damit sie das ältere Kind erreichen und den Eltern bringen kann. Sie übernehmen so die Rolle des Assistenten. Gleichzeitig haben sie ihren eigenen Raum und möglicherweise einige neue Materialen zu entdecken, während die Mutter das Baby stillt und sich ihnen deswegen nicht auf dieselbe Weise wie früher widmen kann. Ich erinnere mich auch, dass mein erstes Kind es geliebt hat, Geschichten über sich selber als Baby zu hören, wenn wir uns um seinen neuen Bruder gekümmert haben. Die Sicherheit, dass sich um sie auf dieselbe liebevolle Art gekümmert wurde, ist für den großen Bruder oder die große Schwester tröstlich.

Viele Eltern fürchten sich davor, Fehler zu machen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich große Angst davor hatte, meinem ersten Kind einen Arm oder ein Bein zu brechen, wenn ich es anzog. Obwohl solche Ängste nicht besonders realistisch sind, gibt es doch auch Dinge die wir tun oder unterlassen können, die negative Auswirkungen auf unser Kind haben. Eltern zu sein ist ein Lernprozess, aber gibt es auch Strategien, wie wir uns sicherer fühlen können?

Das ist eine sehr ehrliche und aufrichtige Frage, und ich kann mich insbesondere an das Gefühl von Selbstzweifel, Sorge und Unsicherheit während der ersten Tage und Wochen nach der Geburt meines ersten Kindes erinnern. Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, dass wir die Welt unseres Neugeborenen sind. Wir können alles bieten, was es braucht. Die Vorstellung, dass wir ihm Schaden zufügen können, kann auch als ein Schritt in das Bewusstwerden des Elternseins gesehen werden. Ich weiß, dass wenn ich mir solche Sorgen mache, ich nicht in diesem Moment präsent bin. Meine Gedanken sind woanders. Ein Rat, den ich habe, ist, das zu tun was uns hilft, stärker in uns selber zu ruhen. Was das für den Einzelnen bedeutet, ist einzigartig. Vielleicht hilft es durchzuatmen, sich einen Moment zu nehmen um ruhig zu werden, bevor wir uns bewegen. Kann es einen Unterschied machen, wenn wir in uns selber ruhen und mit dem Neugeborenen einfach sind, anstatt mit ihm zu tun? Wir können zu uns selber sehr hart und voller Verurteilungen sein, und uns unsere Fehler lange vorhalten. Und all das während einer Zeit, in der wir uns erst körperlich und seelisch von der Geburt erholen, sich unser Hormonhaushalt wieder reguliert, vielleicht die Milch einschießt und wir müde sind. Es ist wichtig, dass wir auch für uns selber Mitgefühl haben: wir geben das Beste, was wir können.

Sich bereits während der Schwangerschaft Gedanken zu machen, unseren Bedürfnissen und unserer Pflege nach der Geburt Aufmerksamkeit zu schenken, ist ein anderer Weg, der uns helfen kann, zu mehr Sicherheit zu gelangen. Besonders nach der Geburt brauchen Mütter Zeit um sich auszuruhen, genährt zu werden und sich um nichts anderes kümmern zu müssen als um sich selber und das Neugeborene. Ich denke, wenn wir müde sind, uns nicht gut ernähren und uns um zu viele Dinge in unserem Leben kümmern, fördert es diese natürlichen Gefühle von Unsicherheit. Wenn Freunde oder Familienmitglieder fragen, wie sie während der Schwangerschaft oder nach der Geburt des Kindes unterstützen können, nutzt diese Angebote. Einige Vorschläge sind Essen zu bringen, Lebensmittel einzukaufen, vorbeizukommen und das Kind zu beaufsichtigen, damit die Mutter duschen gehen kann oder sich dazuzusetzen und einfach da zu sein. Wenn es nicht genug Nachsorge gibt, kann auch überlegt werden, eine Doula für das Wochenbett zu engagieren. In unserer Kultur wird die Zeit nach der Geburt als nicht sehr wichtig angesehen und es gibt wenig gesellschaftliche Angebote, die während dieser Zeit unterstützen. Also müssen wir uns, als Teil unserer ersten Schritte in die Elternschaft, dieses Dorf selber bauen.

Wer mehr über Pamela Green erfahren, oder sie kontaktieren möchte, kann das unter www.anandamontessori.com

Vielen Dank für deine Zeit und deine wertvollen Gedanken.

 

 

 

Auch in Europa gibt es einige wenige, jedoch immer mehr, Pädagoginnen, die werdende Eltern begleiten. Dies kann auf verschiedene Arten geschehen, nicht alle arbeiten auch als Doulas. Dennoch ist diese Art des Austauschs während der Schwangerschaft überaus bereichernd. Um einen Kontakt zu erhalten kann man sich an größere Montessoriverbände wenden.

 

* Die deutsche Übersetzung in „Kinder sind anders“ weicht inhaltlich beträchtlich von der englischen ab:

„Muß das Kind bewegt und transportiert werden, so soll dies auf eine Weise erfolgen, bei der es so wenig wie möglich mit den Händen berührt wird…Die Weise, wie wir ein neugeborenes Kind berühren und bewegen, die Zartheit des Gefühls, das es uns einflößt, läßt mich an die Gebärden denken, mit denen der katholische Priester die heiligen Gegenstände auf dem Altar handhabt. Mit gereinigten Händen und mit wohldurchdachten Bewegungen hebt er sie bald aufwärts, bald nach der Seite und macht dabei häufig Pausen, ganz als wären seine Bewegungen mit einer solchen Kraft geladen, daß sie von Zeit zu Zeit unterbrochen werden müssen. Und alles das spielt sich in einem stillen Raum ab, in den das Licht nur durch farbige Gläser gedämpft einzudringen vermag. Ein Gefühl der Hoffnung und der Andacht beherrscht den heiligen Ort. Ähnlich sollte die Welt aussehen, in der ein neugeborenes Kind lebt.“

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