30-36 Monate Sprache Zauber der kleinen Dinge

Vom ganz kleinen Papa – Über das Geschichten erzählen

In jeder menschlichen Gemeinschaft sammelt sich die Sprache an wie ein gemeinsam gehorteter Schatz.
Silvana Quattrocchi Montanaro: Das Kind verstehen. Freiburg im Breisgau 2014, S.130

Wenn Kinder aufwachsen, befinden sie sich in einem Meer aus Sprache. Die ersten sprachlichen Prägungen entstehen schon früh in der Schwangerschaft und Kinder lieben es schon dann, wenn ihnen vorgesungen, mit ihnen gesprochen oder ihnen erzählt wird. Natürlich verstehen sie nicht, was wir ihnen genau sagen – aber sie spüren doch, dass dies eine Art ist, wie Erwachsene sich ihnen zuwenden und mit ihnen in Beziehung treten. Wie viele Kinder liebt es auch meine Tochter, wenn ich ihr Geschichten vorlese, mit ihr plaudere oder philosophiere. Oder, bis vor kurzem, mit ihr Fingerspiele spielte. Und auch die abstraktere Beschäftigung mit Sprache und Symbolen nimmt bereits phasenweise einen sehr großen Raum in ihrem Leben ein.
Eine besonders schöne Möglichkeit, Sprache mit meinem Kind zu erleben, ist das Erzählen von Geschichten. Dabei sind meine Tochter und ich uns sehr nahe. Und dadurch, dass wir kein Buch zwischen uns haben, können wir während dem Erzählen Augenkontakt halten und uns ganz aufeinander einstellen.

Das Geschichtenerzählen ist eine sehr alte Kulturtechnik, älter als alle Bücher und wahrscheinlich beinahe so alt wie die Sprache selber. Auch Maria Montessori hat das Erzählen sehr geschätzt. So gibt es kleine Geschichten, die wir im Kinderhaus erzählen, und die großen Erzählungen für die Schulkinder. Zuhause erzähle ich verschiedene Arten von Geschichten. Eine davon habe ich hier bereits kurz anklingen lassen, nämlich die Geschichten unserer Nahrungsmittel oder anderer Gegenstände, die wir gebrauchen. Zwei andere Arten möchte ich euch hier nun vorstellen.

Die Geschichten vom ganz kleinen Papa

Der ganz kleine Papa ist eine Figur, die uns schon lange begleitet. Es sind fiktive Geschichten aus dem Leben ihres Papas, die er als kleines Kind erlebt. Fiktiv bedeutet zwar, dass ich die Geschichten für sie erfinde – ich verzichte aber bewusst auf phantastische Elemente oder Dinge, die ihr aus ihrem Alltag gar nicht bekannt sind. Da der ganz kleine Papa in etwa in ihrem Alter ist hat er auch ähnliche Themen wie sie. Er erlebt Misserfolge, hat Ängste oder mag etwas ganz besonders gerne. Und da die Mama vom ganz kleinen Papa oft etwas länger braucht, um zu verstehen worum es geht, löst er in der Regel seine Konflikte irgendwie selber. Wichtig ist mir bei diesen Geschichten, dass die Themen meiner Tochter zwar vertraut sind (und sie vielleicht auch besonders beschäftigen), dass es aber nicht exakt dieselben Situationen sind, vor denen sie und das Kind in der Geschichte stehen. Tendenziell erzähle ich die Geschichten auch so, dass die Figur gerade ein kleines bisschen älter als meine Tochter ist. So, dass es sie ermutigt, ein Problem ebenfalls zu bewältigen, aber sie nicht das Gefühl hat, dass das für andere in ihrem Alter schon ganz einfach ist. Ebenso versuche ich nicht, ihr einen Weg vorzugeben, sie zu belehren oder moralisch zu sein. Meistens werden die Geschichten vom ganz kleinen Papa auch sehr lustig und manche sind zu wahren Evergreens geworden – sie werden immer und immer wieder erzählt.

Geschichten darüber, wie wir etwas tun

Meine Tochter interessiert sich seit kurzem sehr stark für soziale Interaktionen. Und dafür, wie man etwas in der Gesellschaft macht. So sitzt sie etwa zuhause und grüßt oder verabschiedet vor sich hin. Und erzählt mir dann, dass sie zu diesem Mädchen nächstes Mal „Hallo“ sagen möchte oder „Wie geht’s?“ und was das Mädchen darauf antworten könnte.
Sie liebt es sehr, wenn ich ihr kurze Geschichten aus dem Alltag erzähle, in denen wir beide auch die Hauptrollen spielen. In diesen Geschichten gehen wir ins Schwimmbad, auf den Spielplatz oder treffen jemanden auf der Straße, haben also verschiedene soziale Erlebnisse. Für uns Erwachsene mag das sehr unspektakulär sein, für junge Kinder ist es aber eine schöne Orientierungshilfe im Alltag. Ich erzähle die Geschichten recht detailliert und lasse sie meine Tochter auch ergänzen oder weiterführen. Eine Geschichte kann z.B. davon handeln, dass wir zum Bäcker gehen: wie wir es zuerst entscheiden, wie wir uns anziehen müssen weil es warm oder kalt ist, dass wir dann hin spazieren, wie wir uns im Straßenverkehr verhalten, wie dort die Tür aufgeht, was wir sagen können wenn wir die Bäckerei betreten, was der Bäcker darauf antworten könnte, wie wir uns bedanken und schließlich verabschieden. Wir sprechen auch darüber, ob wir zum Bäcker „Hallo“ oder eher „Guten Tag“ sagen möchten und ob wir „Du“ oder „Sie“ sagen. Nicht, weil ich es im Alltag schlimm finden würde, wenn meine Tochter jemand unbekanntes duzt. Sondern weil Kinder in ihrem Alter (und etwas älter) ein großes Interesse an kulturellen Gepflogenheiten entwickeln. Sie wollen Teil der Gemeinschaft sein und sie möchten es so machen, wie wir es tun.

Ich kenne viele Erwachsene, die großen Respekt vor dem Geschichtenerzählen haben. Und die sich dabei sehr unsicher fühlen. Es ist unseren Kindern aber gar nicht wichtig, dass wir eine perfekte, spektakuläre und literarisch hochwertige Geschichte präsentieren – während wir erzählen spüren sie unsere Nähe. Und wenn wir selber Spaß und Freude dabei haben dann freuen sich auch unsere Kinder. Bei uns ist das Geschichtenerzählen mittlerweile ein normaler Teil unseres Alltags. Und auch wenn ich anfangs ebenfalls etwas unsicher dabei war, habe ich mittlerweile meinen Platz als Geschichtenerzählerin in unserer Familie.

1 thought on “Vom ganz kleinen Papa – Über das Geschichten erzählen”

  1. Das ist eine Anregung, die ich ausprobieren und gerne auch in unserem Alltagsleben einfließen lassen möchte.
    Hättest du eine aktuelle Situation, die du heute oder vor kurzem erzählt hast vom kleinen Papa?
    Ich wüsste gar nicht wie ich anfangen sollte bei meinem Kind. Da ich nur das Vorlesen kenne und kein Geschichten erzählen.

    Liebe Grüße

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