Grundgedanken Zauber der kleinen Dinge

Ins Leben eintauchen, die Welt ergründen

Wenn wir sehen, was erblicken wir dann? Wir erblicken alles, was sich in der Umwelt befindet. Auf gleiche Weise hören wir alles, jeden Laut, der in unserer Umgebung erzeugt wird, wenn wir beginnen zu hören. Wir können sagen, dass das Aufnahmefeld sehr weit, fast universal ist. Das ist der Weg der Natur. Es wird nicht Laut um Laut, Geräusch um Geräusch, Gegenstand um Gegenstand absorbiert. Wir beginnen alles, die Gesamtheit, zu absorbieren. Maria Montessori, Das kreative Kind, S.78

Für Neugeborene ist die Welt ein einziges Rätsel. Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, was es wirklich bedeutet mit allem zum ersten Mal in Berührung zu treten. Wie großartig, beängstigend und gewaltig erste Eindrücke sein können. Und wie unerklärlich sie oft bleiben.

Babys und Kleinkinder saugen alles auf, was sich ihnen zeigt – jedes Bild, jeden Laut, Gefühle, Menschen und Stimmungen, die sie umgeben. Oft beeindruckt mich der wache, forschende Blick, die ungebremste Neugierde und der Entdeckergeist der Allerkleinsten. Anfangs war es für mich ungewohnt und schwierig: warum brauche ich mit meiner Tochter eine Stunde für einen Weg, den ich in 10 Minuten bewältigen könnte? Ist wirklich jede Ritze derart interessant? Und dann auch noch jeden Tag wieder? Was bitte ist das Faszinierende an diesen ganzen Kellerfenstern, die sie oft minutenlang untersucht? Warum ist es so spannend für sie, wenn wir über Kies gehen (und warum sammelt sie alle Steine, egal, wie unspektakulär sie mir erscheinen)? Bis ich verstanden habe, dass diese Dinge so plötzlich für mein Kind erschienen sind, wie ein Zauber aus dem Nichts. Und obwohl das alles ganz wunderbar ist, sie so in Kontakt mit ihrer Umwelt tritt, genügt es ihr nicht: Sie möchte die Dinge verstehen, durchschauen, warum hier Fenster sind und beim anderen Haus nicht, wohin die Ritze führt und was sich in ihr versteckt.

Die Fähigkeit, lebhaft und genau solche Züge der Umwelt zu beobachten, die für uns Erwachsene, denen jene Lebendigkeit bereits abhanden gekommen ist, völlig unwichtig erscheinen, ist zweifellos eine Form von Liebe. (…) Dieses aktive, brennende, eingehende und dauernde Sichversenken in Liebe ist ein Merkmal des Kindesalters. Maria Montessori, Kinder sind anders, S.109

 

Orientierung finden

Mir ist aufgefallen, wie viel Ruhe es meiner Tochter bereitet, wenn sie etwas von Anfang bis zum Ende mitverfolgen kann. Und wie zufrieden sie wird, wenn sie Zusammenhänge durchschaut hat. Also achte ich darauf, dass sie die Möglichkeit hat mitzuverfolgen, woher die Dinge kommen. Ich bereite ihr nicht alles so vor, dass sie es einfach benutzen kann sondern ich mache es mit meiner Tochter gemeinsam. Wir holen uns zusammen Wasser, wenn wir trinken möchten, wir gehen auf den Markt und suchen das Gemüse aus, aus dem wir später etwas kochen, wir backen gemeinsam Brot, pflanzen gemeinsam unsere Tomatensträucher, waschen dreckige Wäsche, ernten und trocknen Kräuter und machen daraus Tee oder Gewürze.

Bei all diesen Tätigkeiten geht es um weit mehr als um das Erlernen von Kompetenzen, sich zu üben und sich als selbstwirksam erfahren zu dürfen. Wenn meine Tochter sich bewusst unseren alltäglichen Handlungen zuwendet geschieht besonderes: sie findet Ruhe und mit wachsendem Verständnis reift eine tiefe Liebe zur Welt in ihr heran. So ist das Brot schlussendlich nicht mehr nur Brot, das eben da ist. Es steht am Ende einer langen Geschichte voller Leben, Wachstum, Fürsorge und Arbeit und ist eine Tür zur Welt.

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