Unternehmungen Zauber der kleinen Dinge

Natur in der Stadt

Heute entdeckte meine Tochter in einer Mauerritze eines Hauses ein Kolonie Feuerwanzen. Voller Neugier beobachtete sie geduldig das Verhalten der Tiere. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass auch kleine Babys unter ihnen waren und wohin sie gingen. Dann suchte sie nach Steinchen, die sie ihnen hinlegte und schob ihnen Blätter mit einem kleinen Ast beiseite. Die Mauer ist durchzogen von Rissen in denen stetig Feuerwanzen verschwanden und andere wieder auftauchten.

Solche Entdeckungen liebt sie sehr und es erstaunt mich oft, wie lange sie dabei still und aufmerksam beobachten kann. Wir leben in einer großen Stadt und auch wenn wir gerne in die Natur fahren, so finden wir im Alltag dafür oft nicht die Zeit. Aber immer wieder macht mich mein Kind darauf aufmerksam, wo sich die Natur Teile unserer Umgebung zurückerobert. Sei es der Weizen am Wegrand, von dem sie weiß, dass man aus seinen Körnern Mehl herstellt, das Gras in den Ritzen der Gehwege, Tannenzapfen, Ahornfrüchte, Würmer, Schnecken, Hummeln oder Löwenzahn – kaum etwas scheint ihrem forschenden Blick zu entgehen. Sie lernt ganz nebenbei, was Tiere und Pflanzen brauchen, wo sie sich wohl fühlen und wovon sie sich ernähren. Und auch über den Regen freut sie sich mittlerweile, da er den Pflanzen das Wasser bringt, das sie für ihr Wachstum benötigen.

Bei uns zuhause

Auf ihrem Regal hat sie eigene Pflanzen um deren Pflege sie sich mit mir gemeinsam kümmert. Jetzt im Sommer ziehen wir zusätzlich Tomaten, Kräuter und Ingwer auf dem Fensterbrett (und was für eine Entdeckung es für ein Kleinkind ist, dass plötzlich rote Tomaten durch die Blätter leuchten). Auch unser Obst und Gemüse unterzieht sie einer genauen Betrachtung und weist mich auf ihre Entdeckungen hin. Sie analysiert die Kerne und Stiele, betrachtet die aufgeschnittene Frucht und betastet sie nach ihrer Konsistenz. Schon bei unserer Einkaufstour auf den samstäglichen Bauernmarkt durchforscht sie die Marktstände nach Interessantem. Dort sieht sie auch, welche Früchte wann reif sind und wie sich das Angebot über die Monate hinweg verändert.

So ändert sich durch mein Kind auch mein Blick auf meine Umwelt, denn in meinem bisherigen Erwachsenenleben schenkte ich diesen Dingen kaum Beachtung. Mittlerweile kann ich mir kaum mehr erklären, wie ich all das einfach übersehen konnte!

Also nehme ich mir gerne die Zeit, die wir dafür brauchen, denn so machen uns die Wege, die wir im Alltag zu gehen haben, nicht nur mehr Spaß – sie bringen uns auch ein Staunen in unser Leben.

Und wenngleich wir in der Großstadt wohnen – bunt und lebendig ist es auch hier.

Nur die Dichter empfinden den Zauber eines Rinnsals aus Quellwasser zwischen den Felsen genauso wie das kleine Kind, das darüber in Begeisterung gerät, lacht und stehen bleiben will, um es mit der Hand zu berühren, wie um es zu streicheln. Soviel ich weiß, hat niemand außer dem heiligen Franziskus das unscheinbare Insekt oder den Duft reizloser Kräuter so bewundert wie eins dieser Kleinen Maria Montessori: „Die Entdeckung des Kindes“, Herder 2015, S.88

1 thought on “Natur in der Stadt”

  1. Natur in der Stadt – welch ansprechender Titel! Und nach dem Lesen bin ich inspiriert die Stadt-Natur bei uns in Zürich mit meinen Töchtern zu entdecken. Danke für Deine wertvolle Arbeit. Gerade Artikel, die mit einem Zitat Montessoris untermauert sind, finde ich eine Bereicherung in der Blog-Landschaft.

    Freue mich drauf, diesen wunderbaren Blog zu verfolgen!

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